Was eine Cafémaschine mit Extinktion zu tun hat

Wie jeden Morgen freue ich mich auch heute auf den köstlich duftenden Espresso aus der Cafémaschine. Noch nicht ganz im Tag gelandet, hole ich eine Kapsel aus der Verpackung, öffne den Kapselbehälter an der Maschine, lege die Kapsel ein, ein kurzer Druck mit dem Handballen auf den Schliessmechanismus, Tasse drunter stellen, Knopf drücken und 10 Sekunden warten, bis der Café in die Tasse strömt, Tasse wegziehen, Maschine ausschalten, fertig. Der Ablauf ist in meinem Nervensystem fast schon kinästhetisch abgespeichert. Die Handgriffe automatisiert, die Emotion in Erwartung auf mein Getränk durchwegs positiv.

Was ich jeden Morgen mache, ist also ein operant konditioniertes Verhalten, auf welches ein positiver Verstärker folgt: meine Belohnung in Form eines Cafés.
Heute war der Wurm drin. Tasse drunter stellen, Knopf drücken - INSTRUMENTELLES VERHALTEN - 10 Sekunden warten. Nichts! Kein leises Plopp, wenn sich das Wasser mittels Druck den Weg durch die Kapsel bahnt und mein Frühstücksgetränk wie üblich in die Tasse fliesst – MEIN VERSTAERKER «Café» -, also die KONSEQUENZ auf mein Tun BLEIBT AUS. Das nennt man in der Fachsprache EXTINKTION. Die Kapsel steckt, die Maschine streikt. Zusammengefasst bedeutet Extinktion folglich, dass auf das instrumentelle Verhalten (Knopf drücken an der Cafémaschine), die Belohnung ausbleibt (der Café). Was dann weiter passiert, kennt ihr sicher auch von euch:
Nochmals Hebel öffnen und wieder runterdrücken auf die Kapsel, Knopf drücken, wieder nichts; also nochmals und nochmals – das nennt man EXTINKTIONSAUSBRUCH. Je nach Gemütszustand beschimpft man dann auch noch die Cafémaschine, hält kurz ungläubig inne, nur um 3 Sekunden später nochmals die exakt gleiche Handlung zu machen. Eben: Knopf drücken. Nach dem Motto: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Ungeduld macht sich in mir breit. Ich nehme eine neue Kapsel (könnte ja an der Kapsel liegen), Hebel runter, Knopf drücken, Stille. Jetzt bin ich im Zustand der VERHALTENSVARIABILITAET angelangt. Bisschen den Handlungsablauf ändern, bisschen an der Maschine rütteln. Nada! Nach gefühlten 10 Minuten morgendlichem Frust gebe ich schliesslich auf - ABSINKEN DER VERHALTENSMENGE – und beginne, mir Gedanken über mögliche zielführendere Alternativen zu machen – immer noch VERHALTENSVARIABILITAET- Die in mir entstehende leichte Frustration ist Antreiberin für Handlungsmöglichkeiten.
Wir haben zusammengefasst eine Kurve der Verhaltensintensität: von Normalverhalten über die Zunahme des Verhaltens und wieder zurück zum Normalverhalten, wo eine Verhaltensänderung möglich wird.
Werfen wir nun einen Blick auf das Lernverhalten von unseren Hunden. Wer hat nicht schon mal erlebt, dass sein Hund am Tisch bettelt. Wenn er dann auch noch ab und an ein Häppchen runtergereicht bekommt, sind wir beim Prinzip der variablen Verstärkung angelangt: mal gibt’s, was dann wieder nicht. Somit besteht immer die Möglichkeit und die damit verknüpfte Erwartung, es könnte ja heute wieder ein kleines Wurststückli dargereicht werden. Das Verhalten «betteln» nimmt zu. Dann kommt der Tag X, wir erwarten Besuch und wollen auf keinen Fall, dass unser Liebling in einem schlechten Licht dasteht, respektive unsere Hundeerziehung etwas in Frage gestellt werden könnte. Du erahnst, was jetzt passieren wird: Alle sitzen gemütlich am Tisch, unser Vierbeiner mit erwartungsvollem Blick, der Hoffnung auf seinen Verstärker in Form eins Häppchens und mit Sabber an den Lefzen zu unseren Füssen. Und neiiin, Fido bekommt bei uns nie was runtergereicht. Fido ist da aber ganz anderer Meinung. Der bis anhin «nur» sabbernde Fido fährt langsam sein ganzes Repertoire hoch: kleiner Wuffel, kleiner Stupse, Pfote ans Schienbein, leises Fiepen. Ja genau, Fido ist im Extinktionsausbruch angelangt. Seine Frusttoleranz erschöpft. Und spätestens jetzt wirst du ihn wohl aus dem Esszimmer bringen, damit du die Stufe der Verhaltensvariabilität umgehen kannst: um den Tisch patroullieren, anstupsen, hochstehen an den Menschen etc.
Ektinktion als Methode für eine Verhaltensänderung ist eher nicht so alltagstauglich. Zudem müsste der Mensch superkonsequent sein, um nicht wieder in der variablen Verstärkung zu enden; im obigen Beispiel wäre das der Fall, wenn Fido wieder was vom Tisch bekommt, wenn kein Besuch dabei ist und das Verhalten «betteln am Tisch» dadurch wieder verstärkt wird.
Jetzt sind wir schon ziemlich tief drin in unserem Ausflug in das Lernverhalten unserer Lieblinge. Das reine Löschen, also die Extinktion eines Verhaltens ohne den Aufbau eines Alternativverhaltens oder das Verstärkens von erwünschtem Verhalten ist nicht zielführend, da nicht praktikabel im Alltag. Je erfolgreicher und motiviertere dein Hund mit einem Verhalten war, desto löschungsresistenter wird das Verhalten sein.
Vielmehr Sinn macht es, sich zu überlegen, welches Verhalten ich denn möchte von meinem Hund, um das dann zu verstärken. Wenn wir beim Beispiel «Betteln am Tisch» bleiben, könnte das so aussehen, dass wir alles belohnen, was NICHT betteln ist. Also, wenn Fido den Blick abwendet, sich hinlegt, auf seine Decke geht, alle vier Pfoten auf dem Boden hat etc., und alle Verhaltensweisen, die uns nicht gefallen, dafür unter Extinktion setzen.
Im Prinzip funktioniert das in ganz vielen anderen Situationen mit deinem Hund sehr ähnlich. Wenn du das Ziehen an der Leine nicht mehr möchtest, sorge dafür, dass dein Hund keinen Erfolg mehr hat mit Vorwärtskommen und belohne jedes Verhalten, das eben nicht ziehen ist. Wenn dein Hund in der Vergangenheit gelernt hat, durch Ziehen - dem Verstärker - zum Erfolg zu kommen (anderer Hundekumpel), und du das ab sofort nicht mehr tolerierst, wird er sich zuerst vermehrt in die Leine hängen – Extinktionsausbruch – dann vielleicht kläffen und in die Leine beissen - Verhaltensvariabilität und nach dem x- ten Hund den totalen Leinenfrust entwickelt haben.
Deswegen funktioniert reine Extinktion nicht, wenn der Hund keinen anderen Handlungsplan von dir erhält, der sich auch lohnt und ihm ein gutes Gefühl vermittelt. Sobald Extinktion am Werk ist, lässt auch der Frust nicht auf sich warten. Die beiden können nicht ohne einander. Wenn ein Bedürfnis nicht erfüllt wird, tritt Frust auf. Frustration ist im Prinzip nichts anderes als das Nichterfüllen oder Nichteintreffen einer Erwartung und dem damit verbundenen Gefühl der Enttäuschung.
In der Lerntheorie befinden wir uns im Quadranten der negativen Strafe. Etwas Erwünschtes bleibt aus. Wie im obigen Beispiel das Häppchen vom Tisch. Oder das Beschnuppern eines Hundekollegen. Ein bisschen Frustration ist aber gleichzeitig auch der Motor, der uns antreibt, nach anderen Lösungen zu suchen und ist mitursächlich für Verhaltensvariabilität. Von deinem Hund Frustrationstoleranz zu erwarten, ohne dass du mit ihm Alternativverhalten aufbaust mit den dazu passenden Verstärkern, ist nicht sinnvoll, da gar nicht umsetzbar für deinen Hund
Wenn Du ein Verhalten deines Hundes ein Leben lang möchtest, musst du ihn dafür ein Leben lang belohnen, respektive dieses Verhalten verstärken. Machst du das nicht, weil du denkst, dein Hund wisse ja schliesslich, was FUSS oder HIER bedeutet, dafür sei er ja nun lang genug belohnt worden, hast du bereits beide Füsse in die Extinktion gesetzt und das erwünschte Verhalten in den Sand. Zuerst wird dein Hund eventuell immer noch sehr schnell zu dir rennen, weil er in der Vergangenheit oft die Erfahrung gemacht hat, dass eine Belohnung folgt. Irgendwann wird er aber frustriert sein und das Verhalten nicht mehr verlässlich zeigen.
Dasselbe beim Gehen an der lockeren Leine. War dein Hund vorher ein Leinenzerrer mit Erfolg und du das lockere Gehen an der Leine richtig gut geübt und verstärkt hast, wird er es noch eine Weile lang zeigen, auch wenn die Belohnung für ihn ausbleibt. Ueber kurz oder lang wird er aber in sein ehemals erfolgsversprechendes Verhalten "des an der Leinezerrens" zurückfallen. Ich gehe auch davon aus, dass das Leinezerren für ihn in der Vergangenheit mit einer für ihn sehr lohnenden Verstärkung verknüpft war ( am anderen Hund schnüffeln).
Das ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass Verhalten nicht gelöscht, sondern nur überlagert werden. Und dann gibt es da noch die extrem selbstbelohnenden Verhalten, wo Extinktion schon fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ich denke da an sehr jagdlich motivierte Hunde. Hier ist es oft sehr schwierig, das Verhalten zu überlagern. Sicherlich kann die Appetenz etwas vermindert werden, wenn der Hund keinen Erfolg mehr hat mit Hetzen, der Schleppleine sei Dank.
Was jedoch bei einem intrinsisch so hoch motivierten Verhalten wie Jagen sehr schwierig ist, ist der Aufbau eines Alternativverhaltens über positive Verstärkung. So bleibt bei einigen jagenden «Fellen» nur Management als Lösung, um der Extinktion überhaupt eine Chance zu geben (sprich: nicht mehr Hetzen zu können).
An dieser Stelle möchte ich den Kreis zu meiner Cafémaschine wieder schliessen. Meine Lösung war, den Wasserbehälter aufzufüllen. Das habe ich im morgendlichen Halbwach völlig übersehen. Somit werde ich auch in Zukunft einen Blick in den Behälter werfen, wenn kein Café in die Tasse fliesst. Der Esstischbettler wird sich in Zukunft möglicherweise öfters auf seine Decke begeben, weil dieses Verhalten verstärkt wurde und das Betteln am Tisch "gelöscht", sprich: überlagert wurde. Der ehemalige Leinenzerrer wird sicher auch die nächsten Jahre freudig neben dir gehen, wenn du das Verhalten nicht unter Extinktion setzt, indem du ihn nicht mehr belohnst dafür.
Extinktion und Frust lassen sich nicht ganz aus dem Leben ausklammern; mässig Frust trägt dazu bei, dass wir nach neuen zielführenden Lösungswegen suchen. Zuviel davon verursacht jedoch Stress und Leid. Stress engt unser Denken ein und lässt wenig Raum für Kreativität und das Entwickeln von Handlungsvarianten.
In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Erfolg mit Deiner Cafémaschine und viel Freude beim Erlernen von alternativen Verhaltensweisen mit Deinem Hund.

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