Denn sie wissen immer noch nicht, was sie tun...

... jene Hundehalter, welche sich Hunde nach deren elegantem Erscheinungsbild kaufen. Man könnte den Satz auch umformulieren und schreiben: denn sie wissen immer noch nicht, was ER tut, oder besser: was sein Potential ist. Und damit meine ich wirklich ein Rassenpotential, das während vieler Jahre der Zuchtselektion auf gewisse Merkmale und Verhaltensweisen ganz gezielt verankert wurde im Gencode der Hunde. Leider immer noch und immer wieder kaufen Menschen Hunde, die so gar nicht in deren Lebenssituation und Lebensumfeld passen.


Als Kinder und Jugendliche waren wir öfters auch mit Jägern und deren Hunden unterwegs und verbrachten die meiste Zeit im Reitstall mit unseren Pferden und Hunden. Wie selbstverständlich war doch der Umgang mit unseren Vierbeinern. Nicht, dass wir aus heutiger Sicht alles nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen richtig gemacht hätten und immer die passende Lernmethode mit der effektivsten Verstärkung angewandt hätten im Umgang mit unseren Tieren. Das rückte dann erst im Lauf der Jahre mehr und mehr ins Bewusstsein und auf die Handlungsebene.
Aber was ich ganz sicher sagen kann: Unsere Hunde waren sehr umgänglich, sozial extrem kompatibel. Sie konnten sich situativ sehr schnell anpassen und waren einfach durchs Band weg gechillt und freundlich. Und das sage ich ohne Rosarotebrille. Wir lebten zusammen in einer engen aber nicht einengenden und jegliche eigene Persönlichkeit amputierenden Beziehung.
Wenn ich heute in Flur, Wald und Stadt unterwegs bin, schaut das oft einfach sehr anders aus. Die Hunde sind nicht selten ungehalten, vor allem an der Leine und ich sehe tendenziell eher wenige Passungen, wo mein Herz lacht, weil der Hund nicht bei jeder Begegnung in die Leine springt und der Mensch ein Stressgesicht durch die Gegend trägt. Ab und an habe ich auch ein Highlight, wenn ich zum Beispiel beim Autofahren ein Team sehe, das zusammen Freude hat und entspannt durch den Alltag geht. Natürlich gibt es das auch. Wenn ich jedoch über einen Tag unsere Hundebegegnungen zähle, passiert es möglicherweise von acht Treffen im Schnitt 2x, dass wir in der Ruhe an einem NICHT in die Leine hechtenden Hund und einem NICHT an der Leine zerrenden Menschen vorbeigehen können.
Manchmal frage ich mich, ob die ganze Flut an «Erziehungsratgebern» ( wie sag ich`s meinem Hund ), alle diese «Sitz Platz Fuss Wegweiser», die ganzen «Welpentrainervideo»s und in «7 Tagen zum erzogenen Hund Onlinekurse» nicht mehr Schaden anrichten, als dass sie nützen. Das Gefühl für ein anderes Lebewesen sitzt nun mal nicht im Kopf sondern im Herzen.
Eine gelingende «Hund – Mensch – Beziehung» scheitert nicht selten auch an der Rassewahl. Kann mir mal einer erklären, weshalb ein Bordercollie, ein hochspezialisierter Hütehund mit doch genetisch sehr fixierten Verhaltensweisen aus dem Formkreis Jagen - Hüten ist ein ritualisiertes Hetzen - ins Einfamilienhaus einziehen muss? Am besten noch zu Kindern, damit sie ihm Kunststücke beibringen können, die man dann am Familienefest vorführen kann? Wenn ich auch noch Statements höre, wie: «ja, den muss man so richtig AUSLASTEN ( mein ganz persönliches ANTI-Wort 2020), das braucht ein Bordercollie, wird das Kind ganz sicher in den Brunnen fallen und ertrinken. Sorry, aber so ist das. Ein Schäfer nimmt seinen jungen Border im ersten Jahr einfach mit auf die Alp. Und man staune: DER WIRD NICHT AUSGELASTET, sondern der lernt, INNERE RUHE ZU FINDEN. Und erst wenn er sich beherrschen kann an einem Bewegungsreiz, in diesem Fall das Schaf, wird er langsam und behutsam an seine Aufgabe hingeführt.
Was macht der moderne Bordercollie – Besitzer? Er bringt dem Hund Trick um Trick um Trick bei und schmeisst endlos Bällchen durch die Gegend. Auslastung ist das Stichwort. Und spätestens im Junghundealter landet man dann mit seinem hyperaktiven, "ausgelasteten" Hund bei einer Hundeverhaltensberaterin oder beim Hundepsychologen. Ich fände eine Couch für den Menschen angebrachter.
Was sich auch sehr in den Vordergrund gedrängt hat bei der Wahl des persönlichen Rassefavoriten, ist der LIFESTYLE. Dieser Typ Mensch wählt den Hund nicht unbedingt nach seinen noch sehr bescheidenen kynologischen Fähigkeiten aus – ich rede explizit von Fähigkeiten und Fertigkeiten und nicht von angelesenem Wissen – seine Kriterien schauen ganz anders aus. Der Hund muss etwas Aristokratisches an den Tag legen, sein Erscheinungsbild soll das eigene Image aufwerten, auf den Spaziergängen bewundernde Blicke auf sich ziehen ob der Schönheit und Eleganz der grauen Eminenz mit den bernsteinfarbigen Augen. Meist ziehen sich diese Menschen auch noch an, wie wenn sie gerade das Jagdgewehr aus dem Auto holen oder mit ihrem Hund durch den Wald pirschen, auf der Suche nach zuvor erlegtem Wild. Irritierend ist, dass man diese Spezie Hundehalter nicht im Wald trifft, sondern in der Grossstadt. Viel dazu beitragen tun natürlich auch einschlägige Erziehungsratgeber, wo Hundetrainer in Jägerkluft mit Jagdgebrauchshunderassen Hundeerziehung vorexercieren. Da kauft man sich als Hundeneuling einen tollen Jägerhut, legt den im Gelände auf den Boden und hofft, dass der Hund das Buch auch gelesen hat, weil der ja in jedem Fall beim Hut bleiben soll, wenn der Mensch das erlegte Wild holen geht.
Dass man aber dazu in einer Stadt eher wenig Gelegenheit hat, sondern den Hund im besten Fall vor einer Metzgerei sitzen lassen kann und das erlegte Wild in der Plastikfolie kauft, dringt nicht ins Bewusstsein durch.
Ich vertrete nicht, dass jeder Hund seinen Anlagen entsprechend beschäftigt werden muss, kann oder soll. Das geht ja gar nicht und wäre in unserer Gesellschaft und bei unserer Art der Hundehaltung auch eher kontraprodutiv ( man denke zum Bsp. an einen Herdenschutzhundmix aus dem Tierschutz). Die Verantwortung liegt aus meiner Sicht auch bei den Züchtern solcher Rassen. In Deutschland zum Beispiel wurden diese Jagdgebrauchshunde nur an Jäger abgegeben. Was auch durchaus Sinn macht. Nur: was macht man mit den restlichen 7 Welpen, wenn sich nur 1 Jägerinteressent meldet? Genau: Auge zudrücken und an Ershundehalter verkaufen.
Was ich damit aufzeigen möchte, sind die inneren Bilder und romantisierenden Vorstellungen von Wald und Freiheit, die man sich vermeintlich mit so einem Hundeexemplar ins städtische Wohnzimmer holen möchte. Der Schuss geht leider oft für alle Beteiligten hinten raus.
Was mich am meisten irritiert, ist die Selbsteinschätzung des Menschen. Nie im Leben würde ich einem Ersthundehalter einen Hund empfehlen, der sehr stark auf gewisse Verhaltensweisen und Aufgaben selektioniert wurde, und das über Jahrzehnte. Vor allem, wenn im Rassebeschrieb Eigenschaften stehen, wie: «Mannscharf, Fremden gegenüber misstrauisch, hat  ausgesprochenen Schutz- und Wachtrieb, mutig, sehr selbstbewusst, motiviert, die Angelegenheiten selber zu regeln, nicht für Ersthundehalter empfohlen» etc. Ich behaupte nicht, dass es keine Ausnahmen gibt. Ich habe doch einige sehr talentierte Ersthundehalter erlebt, die auch mit «eher nicht für Anfänger geeigneten» Rassen wunderbar klargekommen sind und heute sehr harmonisch unterwegs sind.
Leider ist aber oft das Gegenteil der Fall. Fakt im Lernprozess ist, dass der Mensch auch einen Weg zurücklegen muss, bis er sich selber befähigt hat, mit dem Entwicklungstempo des Hundes Schritt zu halten und im besten Fall sogar einen Schritt voraus zu sein. Mir tut es immer sehr leid, wenn ich sehr ungehaltene Junghunde erleben, die sich fast nicht mehr einbekommen, weil sie einfach nicht wissen, was der Mensch von ihnen will. Das sind für mich die schwierigsten Kombinationen. Ein Vertreter einer bestimmten Rasse, die vom Schiff aus so ganz und gar nicht zum Menschen passt, der Mensch das aber leider ganz anders sieht und IMMER der Hundetrainer schuld ist, wenn es nicht geht. Am liebsten würde ich so einen ungehaltenen Hund im wahrsten Sinne des Wortes einfach rausholen und umplatzieren. Leider ticken Menschen anders, sie machen regen Gebrauch von der Möglichkeit der Fremdattribution und letztendlich ist der Trainer oder die Trainerin der Kontrahent in ihrem Dilemma. Ein Hundetrainer braucht sehr viel Zivilcourage, um das heikle Thema der NICHT- Passung anzusprechen. Da habe ich mich auch schon heftigst in die Nesseln gesetzt.
In anderen Fällen waren die Hundehalter aber auch erleichtert und wir haben wunderbare Lösungen gefunden. Ich erinnere mich gerne an einen Bordercollie, der heute mit Leidenschaft an den Schafen arbeiten darf, während er in seinem «ersten Leben» Kinder, Velos, Trottinet und Autos «gehütet» hat. Auch das gibt es. Leider ist der Weg bis zu einer Umplatzierung nicht selten lang und ein schmerzhafter Prozess, den man mit einer fachlich kompetenten und ehrlichen Beratung im Vorfeld eines Hundekaufes umgehen könnte.

In diesem Sinne: wählen Sie weise und schätzen Sie sich und ihr eigenes Potential realistisch ein

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