"Mein Hund zieht an der Leine"

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ZurückDie etwas moderatere Variante ist: "mein Hund geht immer ein paar Schritte vor mir". Die etwas gesteigerte Version: "mein Hund springt in die Leine, wenn ein anderer Hund entgegenkommt". Welcher Hundehalter wünscht sich nicht einen Hund, der entspannt an lockerer Leine an seiner Seite geht?
Weshalb ist es denn so schwierig, dieses Ziel zu erreichen? Und ist dem überhaupt so? Auch hier lohnt es sich, mit unseren Beobachtungen ins Welpenalter zurückzugehen. In den ersten Wochen nach der Übernahmen folgt uns der kleine Racker auf Schritt und Tritt, wenn wir draussen unterwegs sind. Er wagt zwar hier und dort selbstständige kleine Ausflüge ins Gebüsch oder rennt mal ein paar Meter vor, galoppiert aber freudig zu uns zurück, sobald die Distanz zu gross geworden ist. Was in den ersten Wochen von uns als selbstverständlich angesehen wird, kann sich schnell ändern, wenn der kleine Vierbeiner sicherer wird und sich so langsam immer mehr zutraut. Er trödelt etwas länger, lässt sich gerne zweimal bitten, findet dieses und jenes auf einmal viel spannender als den eigenen Menschen, der ja sowieso nicht verlorengeht. Wie denn auch, er gibt ja andauernde hohe Töne von sich oder macht sich sonstwie bemerkbar. Also, mehr Kontrolle ist nun angesagt. Und wie kontrolliere ich den Radius meines jungen Hundes am besten? Wenn ich ihn an der Leine führe. Und schon mutiert die FÜHR-Leine zur KONTROLL-Leine. So einfach geht das, muss mich nicht mal sonderlich anstrengen, sprich: klar sein in Körpersprache und Ausdruck, da ich den Hund ja unter Kontrolle habe. Aber wehe, wenn sie losgelassen! So blöd sind unsere Lieblinge ja nicht. Der Klick des Karabiners ertönt und die weite wundersame Welt wartet darauf, erobert zu werden. Und wie er sich doch freut der Kleine! Da schicke ich doch gleich noch ein herzhaftes: "Lauf" hintendrein. Und schon stecken wir mittendrin im Dilemma. Das Leben soll doch für meinen Hund spannend sein und Freude machen. An die Leine kommt er nur, wenn ich es anders nicht im Griff habe. Ziemlich ungeeignet ist die Lösung, den Hundi an die Flexleine zu hängen, in der Meinung, dass er oder besser gesagt sein Mensch dann beides hat: ein gutes Gewissen, weil er den Kleinen nicht beschränkt in seiner Lebenslust und gleichzeitig die Kontrolle, ihn nicht gänzlich aus den Augen zu verlieren. Ein Knopfdruck genügt, Hund wird nach vorne gespickt oder wie ein Fisch an der Angel herangezogen.
Was der Hund leider nicht lernt ist, sich in Ruhe und Musse an der Seite seines Menschen zu bewegen und von dort aus in Sicherheit und Vertrauen durch die Gegend zu wandern. Hingegen lernt er, dass ein bisschen Zug nach vorne ihm mehr Freiheit gewährt. Und diese Flexleinen lassen da einiges an Distanzen zu! Im Weiteren erfährt der Hund, dass immer der vorderste in der Reihe sich um das kümmern muss, was da so entgegen kommt. Schliesslich hängt der Mensch nicht selten ziemlich hilflos hintendran.
Was spricht denn dagegen, bereits den Welpen mit der Leine vertraut zu machen und diese mit guten Gefühlen zu verknüpfen? Es sollte doch für Hundi eine Freude sein, sich in unserer Nähe aufhalten zu dürfen. Wer gerne mit einem Clicker arbeitet oder mit einem Markerwort, kann zu Beginn "das an der Seite gehen" positiv verstärken. Und wenn das gut funktioniert, ein Signalwort dazu einführen. Zudem wird zu Beginn auch alles verstärkt, was unser Hund uns an Aufmerksamkeit schenkt: ein fragender Blick nach oben, das sich anpassen an ein verändertes Tempo, das ruhige Warten, wenn wir stehen bleiben, das "sich rückwärts orientieren", wenn er mal vorgelaufen ist und wir stehen bleiben etc. Und schon bald wird das Gehen an lockerer Leine über kurze Distanzen möglich sein. Eine entscheidende Rolle bei der Leinenführigkeit spielt unsere eigene Präsenz: wenn wir mit hängenden Schultern durch die Gegend wandern, mit einer Begleitung plaudern oder sonstwie nicht präsent sind, dürfen wir auch von unserem Hund nicht erwarten, dass er bei der Sache ist. Wer hat Lust auf Interaktion, wenn sich das Gegenüber in einer anderen Welt befindet? Ihr Hund sicher nicht. Damit meine ich nicht, dass der Hund an der Leine andauernd beredet oder belobt werden soll. Der Hund soll einfach spüren, dass wir ganz bei der Sache sind, und das geht auch ohne viele Worte. Wir reden immer davon, wie sensibel unsere Hunde doch sind, wenn wir traurig sind. Wie Bello das mitbekommt und mich tröstet, einfach toll. Wieso sollte er auf einem Spaziergang weniger sensibel sein? Genauso wie er Gemütsverfassungen spüren kann, checkt er auch unsere Aufmerksamkeit und Konzentration. Präsenter Mensch gleich präsenter Hund. Fokussierter Mensch gleich fokussierter Hund.
Probieren Sie es doch beim nächsten Spaziergang gleich mal selber aus. Sollte Ihr Hund bereits wissen, was das Wort "Fuss", "bei mir" oder "Piede" bedeutet, dann setzen Sie es auch durch. Es erstaunt mich immer wieder, dass es für manche Menschen leichter ist, den Hund ohne Leine locker an ihrer Seite zu führen als mit der Leine. Und mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es mit der eigenen Präsenz zu tun hat: ist der Hund frei, müssen wir klarer kommunizieren, wo sein Platz ist. Haben wir die Leine als vermeintliches Kontrollinstrument, sind wir oft nicht mehr fokussiert und klar. Wozu denn auch? Dafür entwickeln wir Oberarme wie ein Ringer und leiern andauernd dieselben Worte wie ein Mantra: Fuss, bei mir, Piede, langsam etc. ohne auf Gehör zu stossen. Der Hund hat sich bereits an den Singsang gewöhnt.
Probieren Sie mal aus, wie es ist, wenn Sie sich die Leine um den Bauch binden oder am Gurt verankern, damit Sie die Hände frei haben und nicht in Versuchung kommen, am Hund zu ziehen. Sie werden erstaunt sein, was passiert. Ihre Haltung wird sich verändern, Sie werden aufrechter durch die Gegend spazieren, Sie werden klarere Signale geben und der Hund wird beginnen, sich an Ihnen auszurichten. Einen Hund, der dauernd vorläuft, darf man auch mal von vorne blocken und ihm klar seinen Platz definieren. Wenn schon einer vorgeht, dann sind Sie das. Haben Sie auch schon ausprobiert, Ihren Liebling hinter sich zu führen? Das lässt sich am besten bewerkstelligen auf einem schmalen Weg, wo Sie ihn am Vorgehen durch Herausstellen eines Beines abhalten können. Und er wird erstaunt sein, der Gute, Sie so klar zu erleben.
Sorge Sie dafür, dass das Leinenlaufen für alle Beteiligten zur Freude wird. Ich möchte es nochmals erwähnen: das lange Seil zwischen Ihnen und Ihrem Hund nennt sich Führ-Leine und nicht Kontroll-Leine. Ganz anderer Denkansatz.

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