Arbeit mit Hunden als Chance für inneres Wachstum und Klarheit

hund_1_blog.jpg

In meiner Tätigkeit als Hundetrainerin und in der Arbeit mit meinen eigenen Hunden wird mir immer wieder bewusst, wie sehr doch Hunde direkte Spiegel unserer eigenen Lebensthemen sind. Hunde verfügen über äusserst sensible Antennen, was Stimmungen betrifft.


Das kennt sicher jede/r HundehalterIn: Man hat gerade einen schlechten Tag gehabt, ist müde von der Arbeit oder sonst reduziert in der Energie und hat sich vorgenommen, mit dem Hund einige Übungseinheiten durchzuführen. Im besten Fall weckt einem die Arbeit mit dem Hund auf, man fühlt sich wacher und lebendiger. Meistens schaut es aber so aus, dass unser Liebling das Training nicht ganz so ernst nimmt, schlechter hört als an anderen Tagen, lieber mit seiner Nasen allen möglichen Gerüchen folgt und einem das Gefühl beschleicht, dass uns heute sogar der eigene Hund im Regen stehen lässt. Ich rate meinen Kunden, sich und ihren Vierbeinern an solchen Tagen einen entspannenden Spaziergang zu gönnen und gemeinsam die Welt über die Sinne wahrzunehmen, die Seele baumeln zu lassen und in der Natur neue Kraft zu schöpfen. Auch Kuscheleinheiten sind an solchen Tagen angesagt, ist es doch wissenschaftlich unterlegt, dass dadurch Glückshormone freigesetzt werden und zwar bei  Mensch und Hund gleichermassen.

In der Arbeit  mit einem Mensch-Hund-Team geht es sehr oft darum, dass sich der Mensch am anderen Ende der Leine näherkommt, mehr über seine eigenen Verhaltensmuster erfährt, sich über seine eigenen Unsicherheiten und Sicherheiten klarer wird. Ziel in der Ausbildung eines Mensch-Hund-Teams ist es unter anderem, dass sich der Mensch bewusster wird, wie er im Leben steht, wie er sich abgrenzt, durchsetzt, in Beziehung tritt.

Ein Beispiel aus der Praxis:

Eine Hundehalterin schildert, dass ihr Hund so anhänglich ist und ihr überall in der Wohnung folgt. Zuerst wurde Verständnis dafür erarbeitet, dass es nicht um Anhänglichkeit geht in diesem Fall, sondern dass der Hund sie kontrolliert und dadurch nicht zur Ruhe kommt, was natürlich im Alltag mit dem Hund einen Rattenschwanz an Konsequenzen nach sich zieht. Sie hat die Aufgabe bekommen, ab und zu eine Türe zu schliessen, wenn sie aus dem Raum geht, um nach einer kurzen Zeit ganz selbstverständlich wieder in denselben hineinzugehen. Nach einer Woche haben wir uns wieder getroffen und die Kundin hat erzählt, dass sie es fast nicht übers Herz bringe, den Hund „alleine zu lassen“. Im Gespräch haben wir angeschaut, was denn ihre diesbezüglichen Bedenken und Ängste sind. Es hat sich gezeigt, dass die Kundin als Kind von den Eltern weggegeben worden war und sie auf diesem Hintergrund grosse Verlassenheitsängste entwickelt hat. Sie hat in ihrem Leben immer wieder ausgrenzende Erfahrungen gemacht und möchte auf keinen Fall, dass ihrem Hund dasselbe passiert. Hinzu kommt, dass sie den Hund als Findelwelpen aus dem Ausland in die Schweiz gebracht hat, was natürlich viel Spielraum für Identifikation gibt. Wir haben angeschaut, dass es für ein Kind ganz wichtig ist zu lernen, dass die Eltern kurz weggehen und dann sicher wieder kommen. Nur so kann eine sichere und tragende Bindung aufgebaut werden. Das ist ein ganz wichtiger Entwicklungsschritt, den sie so leider nicht hat machen können. Aber bei ihrem Hund bietet sich nun die Möglichkeit, eine sichere Bindung zu installieren, indem sie ihm das Vertrauen gibt, dass sie wieder kommt, auch wenn sie kurz aus dem Raum geht. Nur so kann der Hund sich mit der Zeit entspannen und sicher fühlen, wenn er auch mal für längere Zeit alleine bleiben muss. Auf dem Hintergrund dieser Informationen konnte die Kundin die Aufgabe mit viel weniger Bedenken angehen und das Resultat war durchaus zufriedenstellend.

In einem weiteren Beispiel möchte ich veranschaulichen, inwiefern eine abgegrenzte, klare Haltung dem Hund ermöglicht, eine einfache Aufgabe wie das „Sitz-Bleib“ auszuführen, und wie schwierig es für ihn wird, wenn der Mensch Klarheit und Abgrenzung als beziehungsstörend und verletzend definiert: Ein Kunde hatte die Aufgabe, seinen Hund auf einem abgesägten Baumstrunk sitzen zu lassen, ihm ein „Bleib“ Signal zu geben, einen Schritt zurückzutreten, kurz zu warten, wieder zum Hund zu gehen und ihn zu belohnen. Zu beobachten war, dass der Kunde während der gesamten Aufgabe sehr viel mit dem Hund geredet hat. Seine Handzeichen und seine Körpersprache waren diffus und zögernd. Es gab keine klare Abgrenzung zwischen Hund und Mensch. Der Kunde konnte sich nicht klar um einen Schritt von seinem Hund lösen und hat den Hund dadurch energetisch „mitgezogen“. Die Beziehung wirkte sehr symbiotisch und verschwommen. Bleibt anzufügen, dass der Hund sehr wohl in der Lage war, die Aufgabe problemlos auszuführen, wenn der Mensch vor ihm klar und eindeutig kommuniziert hat. In der Reflexion hat sich herauskristallisiert, dass der Kunde im Leben öfters die Erfahrung gemacht hat, nicht gehört zu werden, und dass sein Umfeld ihm immer wieder keine Aufmerksamkeit geschenkt hat. Sicher auch ein Grund dafür, dass er besonders viel mit dem Hund redet. Zudem ist Abgrenzen in einer Beziehung für ihn gleichbedeutend mit abgelehnt werden oder damit, selber das Gegenüber abzulehnen. Wir haben angeschaut, dass es für einen Menschen ganz wichtig ist, die Erfahrung des eigenen Raumes zu machen, Raum einzunehmen und sich als abgegrenzt zu erleben von einem Gegenüber. Nur so kann sich ein autonomes Selbst entwickeln. Genauso ist es für seinen Hund wichtig, seinen Raum zu haben, auch mal auf einen Raum begrenzt zu werden und seinen Menschen als klar und abgegrenzt wahrzunehmen. Hunde können mit sogenannten „Grauzonen“ nicht umgehen. Hunde brauchen Klarheit, um sich sicher an ihren Menschen zu binden. „Grauzonen“ verunsichern den Hund, und er gewinnt den Eindruck, dass sein Mensch nicht ausreichend Verantwortung übernimmt und er das an dessen Stelle tun muss. Der Kunde konnte in den folgenden Wochen an seiner eigenen Klarheit mit dem Hund arbeiten. Und es war erfreulich mitzuerleben, wie sich auch seine Körpersprache und seine Körperhaltung veränderte. Der Kunde erzählte, dass er in seinem Alltag auch in anderen Situationen bestimmter auftreten konnte und dass er sich allgemein sicherer fühle.

Das sind nur zwei mögliche Beispiel aus der Praxis, die aufzeigen sollen, dass wir als HundetrainerInnen zwar Anweisungen und Aufgaben geben können, wir aber unbedingt auf die momentanen Möglichkeiten des Menschen, diese auch umsetzen zu können, eingehen müssen. Ansonsten ist Frustration bei allen Beteiligten vorprogrammiert. Es geht einerseits darum, dem Menschen seine Verhaltensmuster und Möglichkeiten bewusst zu machen, andererseits das Verständnis für das Lernverhalten von Hunden sowie für deren Kommunikation und Interaktion zu schulen. Gerade weil wir so nahe mit unseren Hunden zusammenleben, bieten diese sich geradezu an als Projektionsfläche für uns Menschen. Ich sehe diese Tatsache als Chance, mehr über mich selber zu erfahren, mich im Umgang mit meinen Hunden zu reflektieren und einen gelasseneren Umgang mit mir selber zu finden, wenn ich mich mal wieder in einem „alten Muster“ ertappe.

Bea Koti, September 2012

Zurück

  • Erstellt am .
Standort Dorf und Korrespondenzadresse
hund-individuell   Bea Koti   Strehlgasse 2   8458 Dorf
Telefon: 052 202 83 59   Handy: 078 794 03 60   E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Standort Winterthur
Unsere Kurse finden – wenn nicht anders ausgemacht – auf dem Eschenberg (Eschenbergstrasse 1) in 8400 Winterthur statt.
Zum Routenplaner