... ich arbeite tiergestützt

Der neue Trend in der Psychotherapie oder generell in der Therapie mit Menschen: «ich arbeite tier- respektive «hunde»-gestützt». Das wirkt, da gibt es mittlerweile zahlreiche abgesicherte und abgesegnete Studien dazu. Und da man ja sowieso schon länger einen Hund wollte UND dazu noch einer therapeutischen Arbeit nachgeht, passt das doch wunderbar zusammen. Hobby und Beruf verbinden, eine bessere Kombination gibt es gar nicht. Also Hund – in den meisten Fällen einen Welpen - kaufen, eine Weiterbildung für tiergestützte Therapie absolvieren und schon ist man dabei oder soll ich besser sagen: fachlich kompetent.


Nur: ich kann mir beim besten Willen NICHT vorstellen, dass ein/e ErsthundehalterIn über ausreichende Fähigkeiten verfügt, den eigenen Hund richtig zu lesen, die feinen kommunikativen Signale adäquat und situativ zu deuten und einzuordnen. Geschweige denn, den Hund in einer annehmbaren Zeit so auszubilden, dass der sich in allen Situationen wohl fühlt und die Grunderziehung abgeschlossen ist.
Ich arbeite nun doch schon einige Jahre als Hundetrainerin und als Ergotherapeutin tiergestützt. Und ich kann mit grosser Gewissheit sagen, dass es für einen Ersthundehalter ein Ding der Unmöglickeit ist, innerhalb von ein paar Monaten seinen Hund so gut zu kennen und sich so viele kynologische Kenntnisse angeeignet zu haben, um den Hund tiergerecht und tierschutzkonform in der therapeutischen Arbeit mit Menschen einzusetzen.
Nicht dass ich jemandem unterstelle, seinen Hund willentlich zu überfordern oder auf dessen Bedürfnisse nicht einzugehen. Wenn ich an meine ErsthundehalterInnen denke, geht es im ersten und manchmal auch im zweiten Jahr mit Hund (oft sind es ja Welpen) darum, die Menschen zu befähigen, aus ihrem Hund einen angenehmen Begleiter im Alltag zu machen. Und damit das dem Menschen gelingt, muss er sich in den ersten Monaten vor allem selber ganz viel Fachkompetenz, Einfühlungsvermögen und Handling aneignen.
Wie kann ein Hund tiergerecht in der Therapie eingesetzt werden, wenn der Mensch noch gar nicht über die nötigen Fertigkeiten und Fähigkeiten in der Ausbildung verfügt? Wie kann es sein, dass ein/e ErsthundehalterIn rechtzeitig erkennt, wenn der Hund sich unwohl fühlt? Und nicht erst, wenn der vierbeinige Co-Therapeut massive Konfliktreaktionen zeigt? Ehrlich, als Ersthundehalter sind wir doch noch ganz fest mit uns selber beschäftigt. Wir eignen uns das nötige Rüstzeug an, lernen unseren Hund und dessen Verhalten kennen, seine Reaktionen lesen und einordnen in unserer erst im Entstehen begriffenenen kynologischen Landkarte.
Meine Frage: Wieso sich und dem Hund nicht zuerst die Zeit geben, im Alltag ein tolles Team zu werden?
In der Therapie ist es ja noch viel komplexer: Die Triade besteht dann aus TherapeutIn, PatientIn oder KlientIn UND Hund. Ich wage zu behaupten: wenn man selber nicht ausreichend Erfahrungen gesammelt hat und auf einen breiten Wissens- und Erfahrungshintergrund mit Hund zurückgreifen kann, geht das IMMER auf Kosten des Hundes.
Die hohe Kunst und die grösste Herausforderung in der therapeutischen Arbeit mit Tieren ist es, alle drei – sich selber, den Hund und den Klienten - im Fokus und im Bewusstsein zu haben, um dementsprechend zu reagieren, sprich: das therapeutische Setting oder die aktuelle Intervention jederzeit ändern und anpassen zu können.
Ich habe in einem anderen Blogbeitrag über den Begriff «Therapiehund» geschrieben. Fachlich absolut nicht korrekt, da es sich um Besuchshunde handelt, da die Hunde in keinem therapeutischen Setting eingesetzt werden. Tönt halt super, wenn man sagen kann: Mein Hund ist ein Therapiehund. Darauf gehe ich aber an dieser Stelle nicht mehr ein. Zu sagen bleibt, dass auch hier die Hunde oft überfordert und instrumentalisiert werden.
Die tiergestützte therapeutische Arbeit ist aus meiner Sicht eine Königsdisziplin für Mensch und Hund. Sie verlangt von beiden Beteiligten sehr viel ab. Und nur, wenn der Mensch die Verantwortung übernimmt für das Wohl des Tieres, indem er SICH zuerst befähigt und die nötigen Fach- und persönlichen Kompetenzen erarbeitet, wird der Einsatz des Hundes auch zum Wohl des Hundes sein und nicht nur eine Intervention für den Klienten und das Ego des Therapeuten.
Ich finde es sehr unterstützend und äusserst wertvoll, das grosse Potential eines Hundes sinnvoll in eine Therapie einfliessen zu lassen. Vorausgesetzt, man macht das mit grosser Achtsamkeit und der nötigen Sorgfalt, auf einem breiten kynologischen Wissens- und Erfahrungshintergrund. Die therapeutische Fachkompetenz setzte ich voraus. Was mich jedoch wie eingangs erwähnt sehr stört, ist der zunehmende Trend, als ersten Hund einen Welpen zu holen und gleich tiergestützt therapeutisch loszulegen. Da wünsche ich mir mehr Aufklärung im Vorfeld, damit das Team irgendwann auch zum therapeutischen Dream Team werden kann.

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