Von Chinesen, Afrikanern, Indianern und Australiern

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie sind vor kurzem stolze Eltern geworden, der Wonneproppen ist gerade mal 8 Wochen jung. Und schon flattert ein offizieller Aufruf in Ihren Briefkasten, Sie müssten mit ihrem Baby den Babykurs besuchen. Und zwar innert dem 4. Lebensmonat. Und sicher bis zum 4. Lebensjahr muss Ihr Kind den Frühförderungsnachfolgekurs abgeschlossen haben. Ansonsten müssen Sie eine Busse bezahlen oder gar mit erweiterten Massnahmen rechnen. Und Sie haben mit grosser Wahrscheinlichkeit die Chance auf eine gelungene Sozialisierung Ihres Kindes verpasst.

Anderes Szenario: Eine junge Frau geht mit Ihrem mittlerweile 6 jährigen Kind durch die belebte Marktgasse. Die Sonne scheint, die Läden haben ihre Auslagen schön gestaltet, die Frau, nennen wir sie Kati, geniessen das Bummeln mit ihrem Kind, nennen wir ihn Udo, und ist mit sich, Udo und der Welt zufrieden. Das ändert sich schlagartig, als sich von vorne ein Mensch nähert. Nein, nicht irgend EIN Mensch; es ist ein ASIATE. Um Gottes Willen, was mache ich jetzt bloss. Mein Kind hat bisher noch nie einen Menschen mit Mandelaugen gesehen. Und SO schwarzen glatten Haaren. Mein Kind ist NICHT sozialisiert, was Menschen aus dem asiatischen Kulturkreis betrifft. Wäre ich doch bloss in die Frühfördergruppe mit Klein-Udo zum Thema: Hautfarben und Gesichtsformen gegangen. Die Gedanken rasen. Alle haben mir das angeraten und jetzt die Katastrophe. Sie drückt die Hand ihres kleinen Jungen ganz fest in der ihren, ihr Atem wird hektisch und flach, Schweiss bricht aus, Adrenalin strömt in ihren Körper und regt zur Flucht an. Bloss: wohin? Da vorne nähert sich eine Frau mit DUNKLER Hautfarbe, DAS kennt Udo auch noch nicht. Hilfe! Ihr Sympathikus steht kurz vor dem Kollaps, sie beginnt zu rennen, zieht Udo im Schlepptau hinter sich her… pieppiep pieppiep pieppiep …. Pieppiep pieppiep pieppiep….schweissklatschnassgebadet schiesst Kati im Bett hoch, macht das Licht an und schaut panisch um sich, ob sich ihr kleiner Wonneproppen, nennen wir ihn Aris, noch in seinem Hundebettchen befindet. Der kleine Welpe hat von diesem Albtraum nichts mitbekommen. Zufrieden grunzt er vor sich hin und ist mit sich und der Welt im Einklang. Auf dem Nachttisch, liegt die «Einladung» der Stadt, einen obligatorischen Welpenkurs zu besuchen. Und hier schliesse ich den Kreis zum ersten Szenario. 

Immer mal wieder höre ich diesen unmöglichen, aber offenbar sehr schlagkräftig und überzeugend wirkenden Satz: der Welpe muss bis 16 Wochen möglichst viele Hunderassen erlebt oder zumindest gesehen haben, damit er in seinem späteren Leben mit allen Vertretern aus der Familie der Caniden klarkommt. Und die Züchter bringen dann gerne das aus meiner Sicht sehr weit hergeholte Beispiel mit den unterschiedlichen Menschengruppen (politisch korrekt ausgedrückt), O- Ton: «Dein Welpe muss doch auch Chinesen, Afrikaner, Indianer und Australier kennenlernen, damit er später keine Unsicherheit zeigt in der Begegnung». Ich versuche, mich über solche Aussagen nicht mehr zu nerven, wundern tut es mich aber allemal. Haben Sie als Kind bis zum ersten oder zweiten Lebensjahr einen Chinesen gesehen und bewusst wahrgenommen oder gar mit einem gleichaltrigen Kind aus dem Sudan oder aus Togo im Sandkasten gespielt? NEIN??? Dann muss in Ihrer Sozialisation gänzlich was falsch gelaufen sein. Der Schaden kann zwar begrenzt, aber sicher nicht mehr behoben werden.
Nun verlasse ich auch diese Bühne und wir schauen einfach mal kurz hin, was ein Welpe denn braucht, wenn er im zarten Alter von 9 Wochen aus seiner Ursprungsfamilie gerissen wird. Ganz sicher viel Ruhe und ganz viel Zeit, um all das Neue um ihn rum wahrzunehmen und zu integrieren. Da sind neue Gerüche, andere Menschen ( nein, auch nach 4x Welpenbesuch kennt der Kleine Sie noch nicht), andere Räume, fremde Stimmen, keine Geschwister mehr und auch die Mama ist plötzlich weg. Ein neuer Garten, Besuch kommt auch schon in den ersten Tagen, wer gehört denn nun zu mir? Und kaum hat der kleine Welpe seine vier Pfoten in sein Bettchen gesetzt, geht’s auch schon los: ab in die Welpengruppe zur Sozialisierung Wie unsensibel können Menschen sein. Wäre da auch nur ein bisschen mehr Empathie vorhanden, dürfte der Welpe einfach mal ankommen. Und zwar nicht 3 Tage, wie das in den Welpenkursausschreibungen propagiert wird, sondern mindestens 2 Wochen. Menschen, ihr habt bis zur 16. Woche Zeit für diesen Welpenkurs!
Ich möchte über ein aus meiner Sicht sehr gelungenes Beispiel der Integration eines Welpen in die Familie und später in das erweiterte soziale Umfeld beschreiben. Ein sehr geschätzter Freund und sehr erfahrener Hundemensch geht einen gänzlich anderen Weg, wenn ein Welpe bei ihm einzieht. Sie erahnen es: er geht ganz sicher nicht in eine Welpengruppe, wo die Menschen rumstehen und die Welpen schön spielen. Nein, er geht auf eine Alp. Nur er und sein Welpe. Er gibt sich und dem Kleinen Wesen in einem ruhigen Umfeld die nötige Zeit, sich kennenzulernen und somit die ersten Schritte hin zu einer gelingenden und sicheren Bindung gemeinsam zu gehen. Wenn der Welpe Vertrauen in seinen neuen Menschen fasst und unternehmungslustig wird, machen die beiden kleine Ausflüge. Sie erkunden die Wiese um die Alphütte, durchqueren kleine Bachläufe. bestaunen die Schafe und Kühe auf der Alp und von weitem die Wanderer, welche sich den Berg hoch mühen. Der Welpe geht immer frei, schaut wo sein Mensch ist, folgt diesem mit Freude nach und erfährt so viel Lob und Zuwendung für alle seine ersten Lernschritte und Erfolge draussen in der Natur. Nach ca zwei Wochen zügeln die beiden jeweils zurück in ihr Alltagsumfeld. Wer jetzt denkt, dass der arme Hund so gar keine Hundekontakte hatte, liegt gänzlich falsch. Mein Freund wählt diese Kontakte sehr gezielt aus. Und da sein Welpe gelernt hat, ihm zu vertrauen, waren Hundekontakte auch im späteren Leben nie ein Problem, egal ob das Gegenüber Locken trug, helles Fell oder schwarz, dick oder dünn, Stehohren oder Hängeohren. Ja, und Sie werden staunen: dort, wo die beiden leben, gibt es keine obligatorischen Welpenspielundrennkurse. Aber offenbar Menschen, die sich in so ein kleines Wesen hineinversetzten können und ihm das geben, was er zum aktuellen Zeitpunkt bewältigen kann. Das schafft Vertrauen, lässt die Liebe und Zuneigung auf beiden Seiten wachsen. Bei den Hunden meines Freundes haben andere Hunde auch einen Platz, Raum für Spiel und Interaktion und einen angepassten Stellenwert. Aber für seine Hunde ist er der sichere Hafen und der Nabel der Welt. Gibt einem das nicht zu denken und lässt einem über die Sinnhaftigkeit dieser Welpengruppen mit einem grossen Fragezeichen zurück?
Natürlich hat nicht jeder die Möglichkeit, mit seinem Welpen auf die Alp zu gehen. Aber JEDER kann sein Umfeld so gestalten, dass Mensch und Welpe sich in einem entspannten Rahmen über eine gewisse Zeit kennenlernen und sich annähern dürfen. Ich wage gar zu behaupten, dass diese Welpengruppen nicht selten Grundlage für spätere Probleme mit anderen Hunden sind. Da muss noch viel Wasser den Rhein runter oder viele Welpen durch solche Renngruppen geschleust werden, bis ein Umdenken auch im grösseren Rahmen stattfinden kann und DARF.

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Welpenspielgruppe aus Verhaltensbiologischer Sicht

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