Working Dog oder wenn der Alltag zum Spiessrutenlauf wird

Wenn ich innerhalb von wenigen Tagen öfters über einen Begriff gestolpert bin oder dieser an mich herangetragen wird, nehme ich das als Auslöser, mich näher damit auseinanderzusetzen, respektive in meinem Blog zu verarbeiten. Mein Auslöser heute war ein sich kaum mehr einkriegender Malinois an einer Leine, an einem Fahrrad, welches an einem Menschen hing.

Ich habe das sich annähernde Gespann von weitem beobachten können. Und schon mal nach Ausweichmöglicheiten gesucht. Nein, nicht direkt für mich und für meine Hunde, sondern indirekt für den Turbo – Mali mit seiner nicht gerade gechilled wirkenden Besitzerin. Und natürlich kommt es, wie vorausgesehen. Mali erblickt uns, reisst in dem Moment seine Besitzerin mitsamt dem Fahrrad gefühlte 10m in unsere Richtung, begleitet von einem unglaublich gefrusteten Bellen. Oder sagen wir besser: heulen und japsen. Er hat den Turbo eingeschaltet und rennt in einem Affenzahn in unsere Richtung. Dem Velo sei Dank, es hat BREMSEN. Der Besitzerin sei Dank, sie NUTZT diese und bringt Pfoten und Räder fürs erste mal zum Stillstand. Sie ruft etwas in unsere Richtung, kaum zu verstehen ob dem ohrenbetäubenden Bellen, fuchtelt wild in der Luft rum und will wissen – so vermute ich es zumindest – in welche Richtung wir unseren Spaziergang fortsetzen. Ach so, sie will einen genauen Routenplan von mir, damit sie uns auf dem Rückweg sicher nicht wieder begegnet. Nur: ich gehe meistens an meinen freien Tagen spontan von hier nach da, verweile länger mal dort, um über Umwege wieder nach hier zu gelangen. Habe ich ihr in einer gekürzten Version so mitgeteilt. Schreckstarrer Blick: Was, die hat keinen Spazierplan? Wo gibt’s denn sowas?

Soviel zur Vorgeschichte. Jetzt möchtest du sicher wissen, was das mit Working Dog zu tun hat? Das möchte ich ehrlich gesagt auch. Besagter Malinois ist ein sogenannter Working Dog. Er hat auch einen Auftritt auf einem Portal für Hundesportler, welche sich unter anderem die Sparte INTER auf die Fahne oder auf ihr Ego schreiben. Für Laien: sehr viel Unterordnung, sehr viel Beissen in einen Schutzärmel. Sehr schnelle, reaktive Hunde. Und jetzt erklärt mir bitte mal einer, was das ganze mit Arbeitshunden am Hut hat. Arbeitshunde sind für mich Hunde, die mit dem Menschen gemeinsam einen Job teilen, also so eine Art Job-Sharing machen. Darunter verstehe ich Hunde, die mit ihrem Menschen für eine Schafherde zuständig sind oder gemeinsam eine Herde Kühe oder sonstiges von A nach B bewegen. Oder die zusammen mit ihrem Menschen Wildspuren verfolgen und Wild apportieren. Oder Hunde, die mit ihrem Menschen gemeinsam nach Sprengstoff suchen, Bettwanzen aufspüren, Drogen erschnüffeln oder Hunde, die in der Therapie mitarbeiten oder als sogenannte Assistenzhunde einem Menschen Sicherheit und Zuversicht geben und ihm den Alltag durch Assistenzleistungen erleichtern. Oder ein Blindenführhund, der seinem Menschen ermöglich,  im öffentlichen Raum unterwegs zu sein.  Das ist für mich Arbeit, aber im Team, also Teamwork. Zusammengefasst alle Hunde, die gemeinsam mit ihrem Menschen «im Berufsleben» stehen. Und das tun die meisten Hunde auf Working Dog Seiten mit Sicherheit nicht.

Der Begriff Working Dogs, also arbeitende Hunde, meint in jenem Fall was ganz anderes. Das ist eine Plattform für Hundesportler, die oft und gerne betonen, dass IHRE Hunde aus einer Arbeitslinie kommen. Und weil sie aus so einer Arbeitslinie kommen, müssen sie natürlich auch Hundesport machen. Gehört zum guten Ton. Und je besser sie beissen – und das wird schon als Welpe getestet am Schutzärmel – desto begehrter sind sie für besagt Sparte im  Hundesport, wo der Beissärmel DAS zentrale Objekt ist.  Immer wieder gerne betont wird natürlich, dass diese ganze Hetzerei für den Alltag weder relevant noch bedeutend ist, im Sinne von: die können ganz genau unterscheiden, ob sie hetzen dürfen oder nicht. Das finde alles nur auf dem Hundeplatz statt. Das stimmt so leider nicht, denn um so schnell zu sein, müssen diese Hunde auch sehr schnell auf einen Reiz reagieren. Und ob die dann innert Zehntelsekunden einem Impuls widerstehen, wage ich sehr zu bezweifeln. Darüber werde ich an anderer Stelle mal schreiben. Fakt ist, dass nicht wenige dieser "Working Dog HalterInnen"  die Ausbildung ihres «Working Dog» tatsächlich auf den Hundeplatz beschränken. Hauptsache, der Hund klebt wie ein Kaugummi am Führbein und startet los, wenn das Kommando für «die lange Flucht auf den Aermel» gegeben wird. Und zwar kompromisslos und ohne zu zögern. Und ich darf sagen, dass ich doch einige dieser früher IPO, heute Inter – Mensch – Hund - Teams in meiner Laufbahn als Hundetrainerin angetroffen habe oder auf Seminaren oder im Hundesport, wo ich früher auch aktiv war. Mir ist es im Prinzip ziemlich egal, wie viele Sekunden ein Agility Hund für seinen Parcours benötigt oder wie systematisch ein Hund im Begleithundesport das Revier abarbeitet oder wie gewandt ein Hütehund seinen Frisbee fängt, wenn der besagte Hund im Alltag kaum führbar ist.

Was ich denn nun eigentlich mit dem ganzen Geschreibsel sagen möchte? Es macht mich je länger je mehr sehr nachdenklich, wieviel Egobefriedigung der Mensch aus der definierten « guten» Leistung seines Hundes im Hundesport zieht. Denn auch die Bewertungen sind ja vom Menschen gemacht. DER sagt, was zählt, was der Hund zu tun hat, wie schnell, wie hoch, wie präzise und wie motiviert er die Aufgabe ausführen muss. Und wenn das dann auch noch auf einem Hundeplatz vor vielen Zuschauern bestaunt und beklatscht wird, wächst der Mensch gänzlich über sich hinaus und der Hund wird zum Hoffnungsträger par excellence. Hoffnung auf Anerkennung im Kreise Gleichgesinnter, auf Erfüllung, auf soziale Zugehörigkeit, wenn auch nur in einer ausgesuchten Gruppe Hundesportler und zusammengefasst: auf Lebenssinn. Da kann ich meinem Hund ja gleich die Maslowsche Bedürfnispyramide auf den Rücken schnallen. Und wehe, mein Vierbeiner enttäuscht mich darin, meine Bedürfnisse nicht ausreichend abzudecken.

Nun muss ich aber den Bogen wieder schlagen zur Ausgangssituation heute im Wald. Auch dieser Hund wird im Hundesport Sparte INTER geführt. Keine Ahnung, wie erfolgreich, das geht mir auch echt am Hintern vorbei. Aber was mir nicht dort vorbeigeht ist die Unfähigkeit, den Working Dog so im Alltag zu führen, dass das Umfeld für «Working Women und Working Dog » nicht zum Hindernislauf wird oder zum Reizauslöser für solche "in die Leine Hetz Aktionen" in sehr hoher Erregungslage. Wenn ich jetzt das heutige Erlebnis als Ausnahme abtun könnte, wäre das zwar kein schönerer Anblick gewesen, aber erträglich. Nur ist dem leider nicht so. Viele Hunde funktionieren wirklich nur auf dem Hundeplatz, ich kann das nicht anders formulieren. Deren Alltagsaktivität im öffentlichen Raum beschränkt sich nicht selten auf die Autofahrt im Heck zum Hundeplatz. Und einem doch eher kurzen Spaziergang an der Flexileine, weil ein entspanntes Leinenlaufen ohne «Hochguckfuss» gar nicht möglich ist, da nie trainiert. Ich propagiere, dass alle Hundehalter, die Hundesportler insbesondere, als Grundlage das Nationale Hundehalterbrevet absolvieren müssen. Und erst, wenn der Alltag einigermassen sitzt, zur Unterordnung und Führigkeit auf dem Hundeplatz übergegangen wird. Ich frage mich sowieso öfters, wo denn all die «Working Dogs» spazieren gehen. Nach dem heutigen Erlebnis muss ich zugeben, dass ich es gar nicht genauer wissen möchte, ausser für den Fall, dass mir wieder so ein Gespann entgegenkommt und ich mich darauf vorbereiten kann.

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