Von sprechenden Bäumen und selbstbestimmten Lebewesen

Gestern hatte ich in der Hundeschule ein sehr interessantes Gespräch über die Kommunikation von Bäumen. Für einmal stand nicht der Mensch oder sein vierbeiniger Begleiter im Zentrum, sondern der Wald mit seinen Familienmitgliedern.


Wenn ich mit meinen Hunden durch die Wälder streife, begrüsse ich öfters alte Wegbegleiter. Manchmal bleiben wir eine Weile bei ihnen stehen und tauschen unsere Gedanken aus. Im Lauf der Jahre sind mir gewisse Bäume sehr vertraut geworden. Ich freue mich, sie zu sehen, meine Hände und meine Stirn an ihre bemooste Rinde zu legen und einfach eine Weile so stehen zu bleiben. Ich staune ab und an, wie reich diese Bäume an Lebensjahren und Erfahrungen sind. Bäume stehen nicht einfach nur so da, damit es einen Wald gibt, den der Mensch be-gehen und be- nutzen kann. Bäume sind Lebewesen, die untereinander und mit ihrem Umfeld in engem Kontakt und Austausch stehen. Und darüber hinaus bilden Bäume Freundschaften untereinander; sie unterstützen sich gegenseitig, indem sie zum Beispiel weniger Aeste wachsen lassen, damit ein jüngerer Freund mehr Lichtzufuhr erhält. Oder sie informieren sich, wenn sie von einem Schädling befallen werden, damit die anderen Baum- Freunde sich besser schützen können. Was mich sehr beeindruckt ist die Tatsache, dass Bäume trauern, wenn ein naher Freund umgebracht, respektive gefällt wird. Es kommt sogar vor, dass der besagteNachbar dann auch nicht mehr weiterleben möchte und stirbt.
Seit ich angefangen habe, mehr über Bäume und deren Leben zu lesen, gehe ich ganz anders durch den Wald als noch vor ein paar Jahren. Nicht, dass ich botanisch sehr bewandert bin. Das ist auch nicht relevant für mich. Was sich verändert hat, ist meine Beziehung zu den Bäumen. Wenn eine meiner Hundedamen auf einen Baumstumpf hüpft, ist das nicht einfach nur eine Gymnastikübung. Ich bin mir bewusst, dass da ein Baum war, der für unsere Zwecke gepflanzt wurde und auch für unsere Zwecke sein Leben lassen muss. Wir Menschen definieren, wer oder was leben darf, wer oder was sterben muss, wer geboren wird und meistens auch noch, was die Bestimmung des jeweiligen Mitlebewesens ist. Dabei ist es nicht relevant, ob das Mitlebewesen eine Pflanze oder ein Tier ist. Es geht darum, dass wir als die sogenannt «denkende Elite» auf diesem Planeten über den Rest der Natur mit all ihren Bewohnern das Zepter führen dürfen, respkektive uns dazu bemächtigen. Selbsternannt auf alle Fälle, nicht selten auch selbstherrlich. Alles wird reguliert im Wald. Die Jäger regulieren den Tierbestand, die Förster entscheiden, was wo, wie dicht, wie hoch und wie lange wachsen und leben darf. Ich möchte hier keine Diskussion anregen über Sinn und Unsinn der Jagd oder ob der Wald sich selber regulieren kann oder von aussen eingegriffen werden muss. Darüber weiss ich viel zu wenig und ist auch ganz und gar nicht mein Fachgebiet. (Nur so nebenbei erwähnt: Wälder gibt es seit tausenden von Jahren. Die Bewirtschaftung durch den Menschen dauert erst einige Jahrhunderte). Mir geht es viel mehr darum, allen Lebewesen in der Natur, und dazu gehören für mich eindeutig auch die Pflanzen, mit Respekt, Wohlwollen und einem offenen Herzen zu begegnen. Was mich traurig macht, ist manchmal  der Umgang mit den Pflanzen und Tieren. Wenn Bäume gefällt werden, fahren riesige Maschinen in den Wald, graben tiefe Furchen in die Böden, zerstören Flora und Fauna. Sie zerren mit ihren eisernen Fangarmen Bäume aus dem Wald, verletzen dabei deren Nachbarn, im Akkord werden die markierten Bäume gefällt. Die stehen oft wie Mahnmale im Wald, über Wochen mit einer Markierung gezeichnet, im Wissen, dass sie bald sterben müssen. Sicher denkt nun der Eine oder die Andere: «DIE hat sie nicht alle». Vielleicht hat der Eine oder die Andere sogar Recht. Wir sind die Nutzer dieser Erde, wir bestimmen das Ablaufdatum unserer Mitlebewesen. Und wir bestimmen die Menge der Ueberlebenden, um es auf die andere Seite hin zu formulieren.
Ich mache innerlich gerade einen Gedankensprung zu unseren vierbeinigen Freunden. Auch deren Leben ist fast zu 100% fremdbestimmt. Wir bestimmen ihren Tagesablauf, was sie zum Essen bekommen, wann Spielen angesagt ist, wie lange sie alleine bleiben müssen, wählen ihre Freunde aus, den passenden Lernort, das Hundebett, die Freilaufzeit, was sie für eine Hundesportart machen sollen, in welche Hundehüte sie zu gehen haben etc. Wir definieren, wie schnell sie nach dem Rückruf zu uns rennen sollen, auf welcher Seite sie Fuss gehen müssen, wie lange sie warten sollen vor dem Fressnapf etc. Wir bestimmen bei unseren Mitlebewesen, wie lange sie leben dürfen, wie gross ihr Stall ist, ob sie auf die Weide dürfen oder nicht, wer der Vater ihrer Kinder sein wird, wieviel Milch sie geben sollen, wie lange sie schlafen dürfen, wie weich ihr «Bett» ist, wie gross und dick sie sein müssen, wie oft sie trächtig sein sollen…
Und ich denke weiter darüber nach, wo ich mich selber fremdbestimmen lasse oder fremdbestimmt werde. Wenn ich ehrlich bin, sind es auch ganz viele Prozent. Selbst Entscheidungen, von denen wir glauben, dass wir sie persönlich getroffen haben, unterliegen dem Gesetz der Beeinflussbarkeit.
Und um wieder den Bogen zu dem Bäumen zu spannen: in nicht ferner Zeit wir die Natur über uns bestimmen, weil wir ihr zuviel Mitspracherecht genommen haben, uns während Jahrzehnten über ihre Gesetzmässigkeiten hinweggesetzt haben mit unserem Machbarkeitswahn. Wir haben uns über viele Jahrzehnte bedient und der Mutter Erde nichts zurückgegeben. In der Natur zu sein heisst nicht, die Natur zu begehen oder zu befahren, sondern wieder mit ihr zu atmen, sie zu fühlen und ihr den Respekt zu zollen, der ihr gebührt.

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