Wieso? Beisst DER denn?

Entsetzter Blick, ungläubiges Staunen und die lapidare Frage: wieso darf IHRER MEINEN denn nicht begrüssen? Beisst DER denn? Und die ausgestreckte Hand fährt wie von einem Stromschlag getroffen wieder dorthin, wo sie auch hingehört: zu seinem Besitzer und zwar in der Längsachse nach unten zeigend.


Ich frage mich des Öfteren, was gewisse Menschen für eine Vorstellung von Nähe und Distanz entwickelt haben im Laufe ihrer Sozialisierung. Und sollte diese einigermassen adäquat verlaufen sein, im Sinne von: ich kenne meinen RAUM und bin mir bewusst, wo DEINER anfängt, haben sie diesen sozialen Lernschritt alles andere als generalisiert, sprich auf andere Lebewesen  in unterschiedlichen Settings übertragen.
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich noch nie so viele räumliche und körperliche Uebergriffe erlebt habe, wie wenn ich mit meinen Hunden unterwegs bin. Keine Rücksicht auf unterschiedliche Nähe – Distanz Bedürfnisse der Vierbeiner. Schliesslich ist das ein HUND und der mag andere Hunde. Und die wollen spielen oder zumindest hallo – sagen. «Darf er kurz hallo sagen?»
Wenn ich diesen Satz so oder ähnlich formuliert in Frageform höre, sehe ich im wahrsten Sinne des Wortes orange. Rot kommt dann, wenn der «Ich-will-nur-spielen-Hund» tiefgelegt und mit rasender Geschwindigkeit unsere Gruppe sprengt und sich ein Opfer aussucht. Rot kommt aber auch in jedem Fall, wenn der «Hallo-Sagen-Hund» an der bis zum Anschlag gespannten Leine mit seinem Menschen im Schlepptau auf meine Hunde zusteuert. Der Zweibeiner ruft schon fast im Stolpern: «er will JETZT hoi sägä» und lässt die Leine spicken.
Wie soll das denn gutgehen? Für jeden normal strukturierten Hund ist das einfach mal ein Affront per se. Und für jeden einigermassen normal tickenden Menschen nicht minder. Im Prinzip könnte man eine neue Prüfungsaufgabe beim NHB (Nationales Hundehalterbrevet) kreieren mit dem Lernziel: der Hund kann auf ihn zustürmende Hunde mit Gelassenheit begegnen. Und als Lernziel für den Menschen: der Mensch lernt, distanzlosen Mitmenschen mit Wohlwollen zu begegnen.
Also, ich würde bei dieser Aufgabe glatt eine 1 minus bekommen. Ich frage mich, weshalb wir in der Hundeschule trainieren, dass wir an der lockeren Leine andere Mensch – Hund – Teams passieren; dass wir anderen Menschen und Hunden mit Respekt begegnen. Dass ein hündischer Ueberfall kein Spiel ist. Dass Hundebegegnungen an der straffen Leinen nicht immer so glimpflich ablaufen, weil der Hund sich ganz anders präsentiert als ohne Leine, nämlich mit dem Schwerpunkt nach vorne. Dass nicht jeder Hund es angemessen findet und locker nimmt, wenn er im Restaurant schon eine Weile unter dem Tisch oder neben dem Stuhl liegt und sich im Eilzugstempo ein anderes Mensch – Hund Gespann dem Tisch nähert. Und der Mensch entsetzt ist, wenn ich gerade noch STOPP rufen kann, um eine Eskalation zu vermeiden. Die Eskalation war in dem Falle ein beleidigter Mensch, weil der davon ausgeht, dass jeder Hund mit jedem kann und zwar in JEDER auch noch so beengten räumlichen Situation und dass sein eigener Hund nur spielen oder BEGRUESSEN will und natürlich alle anderen Hunde das auch toll finden. Ich denke ernsthaft darüber nach, das tägliche «Notfallszenario» vermehrt einzuüben.
Und was ich absolut und gar nicht akzeptieren kann ist die gängige Meinung, dass jeder Hund – egal ob erwachsen oder Teenie- , seinen Spieltrieb mit einem fremden Hund aktivieren soll. Hallo?? Wie geht es Ihnen denn, wenn Sie mit jedem, der sich im Zug zu Ihnen ins Abteil setzt Ihre Zeitung teilen müssten? Oder eine Hand auf Ihrem Knie dulden müssten? Oder jemand so nahe zu ihnen rückt, dass Sie permanent auf Tuchfühlung sitzen? Würden Sie das aushalten? Würden Sie sich wehren? Stillschweigend das Abteil verlassen oder gar ausharren, weil der andere das als Affront erleben könnte? Was muten Sie Ihrem Hund zu an Uebergriffen, weil Sie höflich sein wollen, weil der andere ja spielen möchte ( der Hund versteht sich), weil Sie beweisen möchten, dass auch IHR Hund gut «sozialisiert» ist? Wie oft bringen Sie Ihren Hund in Situationen, die er sich selber nicht aussuchen würde?
Hat man einen «Easy – Peacy – ich  - liebe – alle Lebewesen – Hund» ist man natürlich in der Spielecke der Superstar. Hat man einen Hund, der Wert auf Individualdistanz legt und das auch zeigt, wenn der vierbeinige ODER zweibeinige Kollega zu nahe kommt, wird es echt schwierig und nicht selten beleidigend.

Wobei wir wieder am Anfang des Blogbeitrages wären: BEISST DER DENN? GEHEN SIE DENN IN DIE HUNDESCHULE?
In dem Sinne achten Sie sich doch das nächste Mal, wie es sich anfühlt, wenn IHNEN jemand zu nahe aufrückt und in IHREN ganz persönlichen Raum dringt. Sei es an der Kasse im Einkaufszentrum oder in der Apotheke, wenn Sie gerade bedient werden. Oder wenn Sie Ihren Code in das EC Kästchen tippen. Oder wenn Sie in der überfüllten Gondel stehen. Oder wenn Sie jemand umarmt, den Sie zum ersten Mal sehen. Ihr Hund wird es Ihnen danken, denn auch er hat das Recht auf seinen Raum und das Recht, dies auch einzufordern.

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