Da muss DER jetzt DURCH

Wer kennt ihn nicht, diesen Satz aus längst vergangenen Zeiten. All die Diskussionen darüber, ob man ein Baby weinen lassen soll in der Nacht, wie lange man es weinen lassen soll. Es wurden sogar strube Theorien aufgestellt, dass sich das Lungenvolumen bei schreienden Babies vergrössere und von dem her gesund sei. Auch von unsinnigem Verwöhnen war die Rede, von verzogenen Kleinkindern, von Babies, die gefälligst in einem eigenen Bett im eigenen Zimmer schlafen sollen. «Sonst lernen die das ja nie und man bekommt sie bis ins jugendliche Alter nicht mehr aus dem elterlichen Schlafzimmer, respektive Bett». So ging dann der Tenor weiter. Anstatt auf die Bedürfnisse einzugehen, hörten man nicht selten den Satz: «da muss er oder sie jetzt durch».
Der Bindungsforschung sei Dank (Bowlby, Robertson, Ainsworth) weiss man heute, dass solche Massnahmen im schlimmsten Fall zu einer erlernten Hilflosigkeit führen, in einer abgeschwächten Variante ganz sicher zu einer das spätere Leben beeinflussenden Bindungsstörung.


Ich hatte heute ein Erlebnis, das mich sehr an diese alten Glaubenssätze erinnerte. Szenenbild: meine drei Hundedamen und ich haben uns an der Töss zufällig mit zwei anderen Spaziergängern ohne Hund unterhalten. Die Hunde haben es sich am Wegrand gemütlich gemacht. Nach einer Weile Tratschen taucht in der Ferne ein Kinderwagen mit Mann dahinter auf. Das Gefährt kommt zügig näher, passiert uns und entschwindet bald wieder in der Ferne. Und da taucht noch etwas auf: ein mittelgrosser Hund einer nordischen Rasse. Sehr verunsichert steht er in ca. 20m Distanz auf dem Weg und getraut sich nicht, an uns als Gruppe vorbeizugehen. Dafür schaut er in die Weite, wo sein Besitzer mit Kinderwagen entschwunden ist. Wir als Gruppe für ihn ein unüberwindbares, respektive unpassierbares Hindernis. Das erwähnte Gespann ist nur noch als Punkt in der Landschaft zu erkennen. Selbst Nichtkynologen – was meine Gesprächspartner waren – erkennen die innere Not des grauen Hundes. Und in mir kommt die Erinnerung an eine ähnliche Situation vor einigen Wochen hoch, so was wie ein "Déjà – Vue". Dasselbe Hundchen, derselbe kinderwagenstossende Mensch. Was hat er vor Wochen erwidert auf meine Bemerkung, dass sein Hund nicht an uns vorbeigeht, weil er unsicher ist? «Sie – eine Hündin also- muss das lernen, da muss sie durch». Und vor Wochen war sie noch etwas mutiger und ist nach Zaudern und Zögern und Distanz machen von unserer Seite in einem grossen Bogen tiefgelegt an uns vorbeigeschlichen. Von DURCHGEHEN war schon da keine Rede.
Wie oft musste sie wohl in den vergangenen Wochen da oder sonst wo «DURCH»? Gebracht hat es der kleinen Hündin offensichtlich nichts, im Gegenteil. Sie stand heute wie festgeklebt in der Landschaft. Erst als ich mit ihr zusammen und unter ermutigenden Worten auf mein Hundegrüppchen zugegangen bin, konnte sie sich etwas entspannen, kurz begrüssen, um anschliessend im gestreckten Galopp das Kinderwagengespann wieder einzuholen. Was der Kinderwagenschieber gemacht hat? Nichts, kein Blick zurück, keine verbale Unterstützung, kein Verlangsamen oder Warten, nichts. Von einer emotionalen Hilfe mal gänzlich abgesehen. Wie muss sich da ein Wesen fühlen, das in seiner Angst im wahrsten Sinn des Wortes sitzengelassen wird?
An dieser Stelle fasse ich gerne für den / die interessierte/n LeserIn nochmals eine Auswahl an Faktoren zusammen, die das Bindungsverhalten eines anvertrauten Lebewesens massgeblich beeinflussen und stärken:
Bedürfnissen des Gegenübers erkennen; Lernsituationen so gestalten, dass sie bewältigbar sind; Verlässlichkeit und Kongruenz; angstmachende Situationen auflösen; gemeinsame Wohlfühlzeit verbringen; herzlich und ehrlich loben; einen sicheren Rahmen geben; Sicherheit und Schutz vermitteln.
Unsere kleine Hundedame hat heute mit hoher Wahrscheinlichkeit viele Stesshormone produziert. Und einmal mehr die Erfahrung gemacht, dass sie auf ihren Menschen nicht zählen kann, wenn es drauf ankommt.

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