Hund gut gesichert …Mensch fühlt sich sicher

Das Leinenthema ist ein Dauerbrenner. Es geht in diesem Beitrag nicht um Leinenlängen, Leinenmaterial, Gschtältli oder Halsband, sondern um die Grundsatzfrage: wozu ist die Leine da? Ja, natürlich, um die Leine am Hund festzumachen und im Notfall für seine Sicherheit zu sorgen. Das ist die einfachste und naheliegendste Antwort. Oder vielmehr: das WAERE sie, wenn die Leine beim Menschen nicht gänzlich andere Assoziationen weckt. Denken Sie kurz ganz ehrlich darüber nach, weshalb Sie eine Leine an Ihren Hund hängen und wie Ihr Spaziergang aussehen würde, wenn sich die Leine unterwegs in Luft auflösen würde.


Ich stelle hier einige W – Fragen für Sie zusammen, die Sie im Gedankenprozess leiten sollen: Wo rennt mein Hund hin? Wie lange bleibt er in meiner Nähe? Was mache ich, wenn ein anderer Hund entgegenkommt? Was mache ich, wenn sich mein Hund am Strassenrand festschnüffelt? Wie verhalte ich mich, wenn mein Hund den Hundekollegen am anderen Ende der Wiese begrüssen möchte? Wie bringe ich meinen Hund dazu, neben mir zu gehen? Wie halte ich ihn davon ab, den nächstbesten Fussgänger anzuspringen, weil der ihn freundlich anlächelt? Wie schaffe ich es, dass mein Hund das Schimmelbrot im Park liegen lässt? Was mache ich, wenn sein Erzfeind um die Ecke kommt?
Ja, genau: die einfachste Antwort WAERE: «Ich halte ihn fest». Klar, nicht am Ohr und nicht an der Rute, dafür gibt es eben diese LEINEN! Da ruft der Hase auch schon aus dem Pfeffer: «Pech gehabt, Leine weg – Hund weg».
Ich stelle mir des Öfteren vor, wie die Hundewelt ohne Leinen ausschauen würde. Das TOTALE Chaos rufen Sie entsetzt? Da bin ich gänzlich anderer Meinung. Hätte niemand die Leinen erfunden, wären wir als Menschen gefordert, sehr präsent und aufmerksam zu sein. Wir würden unsere Beobachtungsgabe trainieren; wir würden unsere Reaktion, unser Timing und unsere Körpersprache schulen und verfeinern; wir würden mit unseren Hunden auf Augenhöhe zu kommunizieren beginnen; wir würden unsere Smartphones in der Tasche lassen und die Freude am gemeinsamen Unterwegs sein kultivieren; wir würden uns nicht mehr in Sicherheit wiegen, weil der Hund ja sowieso an uns gekettet ist. Wir würden die Be – zieh - ung in Richtung Freundschaft verwandeln.
Die Frage, weshalb ein Hund an der Leine zieht und zerrt, ist sicher spannend. Die Antwort eigentlich lapidar: weil der Mensch zu passiv ist und sich in Sicherheit wiegt und weil er resigniert hat. Natürlich hat der Hund Gründe, sich in die Leine zu legen. Trotzdem finde ich, dass es sich mehr lohnt zu schauen, wie sich das andere Ende der Leine verhält, als am Hund rumzumanipulieren. Es werden tausend und eine Technik vermittelt, wie man die Leine richtig in der Hand hält; wie man an der Leine ruckelt; wie man den Hund an der Leine zurückholt oder eben «führt». Natürlich gehört das Leinenhandling – tönt super- zur Ausbildung des Menschen dazu. Nur: bis der Mensch die Leine im Griff hat, ist der Hund erwachsen und der Spaziergang an der Leine möglicherweise bereits in Schieflage geraten. Dann kommen die Hilfsmittel und "Specialtechniken" zum Einsatz: Locken - resp. bestechen mit Futter, Halti, Brustring am Gschtältli, anderes Halsband, Leine vorne um Brust etc. Anstatt dass der Mensch aktiv an SEINEN Führungsqualitäten (Einschub: unter Führen verstehe ich NICHT Dominieren!) arbeitet und diese perfektioniert, wie oben schon erwähnt. Dann nämlich spielt die Leine eine sekundäre Rolle, weil sie kaum mehr auf- und ins Gewicht fällt, weil der Hund gerne und entspannt neben uns geht.
Wenn ich mir eine Welt vorstelle, wo Mensch und Hund zusammen unterwegs sind, sehe ich keine straffen Leinen, keine muskelbepackten Hundenacken vom Dauerziehen; keine Menschen, die hinter ihren Hunden hertraben.
Wenn ich mir eine Welt vorstelle, wo Mensch und Hund ohne Leinen miteinander unterwegs sind, sehe ich Teams, die sich vertrauen; die aufeinander eingespielt sind; Hunde, die entspannt bei ihren Menschen bleiben und nicht mit 200 kmh am Horizont verschwinden, sobald die Fessel abgelegt ist. Ich sehe Hunde, die sich auch auf Distanz an ihren Menschen orientieren und gerne wieder zurückkommen, wenn sie gerufen werden.
Sie sagen Utopie? Fangen Sie heute damit an, die Leine anders zu verankern in Ihrer Wahrnehmung und in Ihrem Bewusstsein. Gehen Sie auf Ihrem nächsten Spaziergang los und halten Sie die Leine wie ein kostbares Geschenk in den Händen. Stellen Sie sich vor, die Leine ist sehr filigran und hält nur ein paar Gramm Widerstand aus. Seien Sie sich bewusst, dass der Nacken Ihres Hundes ein äusserst sensibler Bereich ist und sehr verletzlich. Probieren Sie selber mit einem Partner aus, wie es sich anfühlt, an einem Strick um den Körper (Hals lassen Sie wegen der Verletzungsgefahrt lieber weg) gerissen zu werden, auch mal ohne Vorwarnung. So ein Selbstversuch verändert den Fokus. Und wo sich der Fokus ändert, öffnen sich Türen für ein gemeinsames Unterwegs- und in Kontakt sein.

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