Die Sache mit der positiven Verstärkung/Belohnung

Wir arbeiten ausschliesslich mit positiver Belohnung. Diesen Satz schreibt sich fast jede/r HundetrainerIn auf die Fahne. Tönt ja auch wunderbar: alles so positiv und alles so lohnenswert. Kein Schimpfen, kein minimaler Frust auf beiden Seiten, keine Enttäuschung; alles lieb und nett und immer im grünen / rosaroten Bereich. Ja, wunderbar. Sagt sich auch der Vierbeiner und nimmt sich gleich mal alles raus, rennt unbegrenzt durch die Welpenzeit, tritt im Junghundealter als pubertärer Rüpel in jedes am Wegrand stehende Fettnäpfchen und wir dafür freundlich gelobt und lieb getätschelt.

Wenn ich meine Hunde beobachte, wie sie miteinander kommunizieren, haben die mit der obigen Aussage nur sehr wenig am Hut, resp. im Fell. Für eine Grenzüberschreitung wird da kein Leckerchen gereicht oder freundlich das Fell gekrault oder auf den Clicker gedrückt; da kommt ein ziemlich akurates und deutliches Abbruchsignal. Zeitgenau, präzise, moderat und situativ angepasst. Und danach ist aber auch gleich wieder alles ok. Von beiden Seiten verstanden, kein Nachtragen, kein beleidigt sein.

Positiv tönt so toll und erstrebenswert. Dabei bedeutet positiv in diesem lerntheoretischen Kontext schlicht und ergreifend: etwas wird hinzugefügt. Ganz egal, ob das nun ein Gudi ist (positive Belohnung) oder ein Wegstupsen der Hundenase von einer Schwarzwäldertorte (positive Strafe). Und wehe, es tönt negativ! Nein, nein, so was mache ich nie mit meinem Hund. Alles nur positiv verstärkt. Eine negative Strafe bedeutet ganz simpel, dass etwas Angenehmes weggenommen wird. Mensch hält dem Hund ein Gudi vor die Nase, Hund sitzt nicht, Gudi wird weggezogen. Ja, genau! Und jetzt erzählt mir einfach niemand, das nicht schon mal praktiziert zu haben. Oder der Hund springt an einem Menschen hoch, dieser dreht sich weg und beachtet den Hund nicht; ja, auch das ist eine negative Strafe, nämlich die Aufmerksamkeit entziehen. Oder der Hund zieht an der Leine und der Mensch bekommt den Rat, stehen zu bleiben: wo ist da die positive Belohnung? Genau, das ist auch wieder eine negative Strafe, weil wir den Hund von etwas abhalten, das ihm wichtig ist und er gerne hinmöchte: den anderen Hund, ein toller Geruch etc.

Und ich höre schon den Aufschrei aller «wir – arbeiten – nur – mit - positiver Verstärkung - Trainerkollegen. Die handhaben das ganz geschickt, indem deren Kundenhunde NIE ans Ende der Leinen gelangen, weil diese immer und in jedem Fall vorher clickern. Weil die nie und nimmer NEIN sagen würden, wenn der Hund die Wurst vom Tisch klaut, weil die ein solches Verlangen gleich von Anfang an positiv weg, resp. ein Alternativverhalten – «ich lege mich dafür hin» – auftrainiert haben. Auch die «Gudi – sii – loo – Uebung» auf der Handfläche würden sie nie und nimmer in ein Training integrieren, weil ja dem Hund etwas Gutes vorenthalten wird. Wie? Ja richtig: das wäre dann eine negative Strafe. Und das geht gar nicht.

Ich mache gerne wieder einen Vergleich zur Erziehung des Zweibeiners: der pubertierende Jugendliche hört trotz mehrmaligem Auffordern, die Musik leiser zu stellen, weiterhin mit 60 db seine Lieblingsband. Die Mutter geht in den Keller und schraubt die Sicherung raus. Ja genau: etwas Positives wird entfernt, womit wir schon wieder bei der negativen Strafe gelandet sind.

Die Lerntheorie möchte ich an dieser Stelle nicht ausführlicher behandeln. Dazu gibt es auch sehr gute Beiträge im Internet oder in der Fachliteratur. Was mich stört, ist die Tatsache, dass mit dem Satz: «wir arbeiten ausschliesslich mit positiver Verstärkung» geworben wird, der so nie und nimmer im Alltag oder im Training praktiziert werden kann. Weil wir nicht in einem Labor sind, weil unsere Hunde UND Kinder nicht immer gleicher Meinung sind, weil ein bisschen Enttäuschung und Frust auch zum Leben gehört, weil KEINE Grenzen zu setzen für mich tierschutzrelevant ist. Und weil ich es unprofessionell finde, etwas vorzugaukeln, das so im Alltag nicht existiert und umsetzbar ist.

Wozu ich stehe und was ich vertrete, ist: alles loben, was in die Richtung von erwünschtem Verhalten geht (vom Menschen erwünscht, versteht sich, was ja auch schon wieder eine zwischenartliche Diskussionsgrundlage bietet). Die Umwelt so gestalten, dass ich vorallem loben kann. Die Reize so präsentieren, resp. den Hund den Reizen so aussetzen, dass er diese situativ, altersadäquat oder dem Ausbildungsstand entsprechend, bewältigen kann. Und dort ganz gezielt und präzise Grenzen setzen, wo der Hund sich Vorteile und Freiheiten nimmt, die schlicht und einfach ungangepasst und frech sind.

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