Hunde - unsere Alter Egos

Hunde haben sich in hunderten von Jahren eng an den Menschen angeschlossen. Sie sind zu wichtigen Familienmitgliedern geworden, die mit uns Garten, Haus und nicht selten auch das Bett teilen. Über all die gemeinsamen Erlebnisse, Freuden und Leiden kann sicher mancher Hundemensch ein dickes Buch schreiben.
An dieser Stelle könnte man nun etliche ethische Grundsatzfragen stellen: wo, inwiefern, wie stark und in welcher Form der Hund vermenschlicht wird. Der Hund nicht mehr als Canis lupus familiaris sondern als Canis humanus an unserer Seite lebt. Ja, der Hund wird vermenschlicht, und ich stelle die Gegenfrage: was ist daran denn schlecht? Wie anders als aus Menschensicht können und sollen wir mit unseren Hunden umgehen?


Ich persönlich erachte es als viel gravierender, wenn Hunde – und alle anderen Tiere auch – versachlicht werden. Da hält sich der Mensch emotional raus, lässt seine in dieser Hinsicht begrenzte Ratio walten und spricht dem tierischen Gegenüber jedwede Fähigkeit ab, eine emotionale Verbindung einzugehen. Nicht selten sind unter dieser Kategorie auch Menschen zu finden, die ihren Hund dazu missbrauchen, durch ihm abverlangte Leistung das eigene Ego zu stärken. Hunde als Arbeitsmaschinen und Befehlsausführer. Oder die Perversion in das Gegenteil: der Hund als Stellvertreter für alle unerfüllten und unbefriedigten, nicht bewusst gemachten Bedürfnisse und Persönlichkeitsanteile seines Menschen. Der Hund als verlängertes Ego, als Selbstobjekt,  welches der Mensch formen, schmücken, reduzieren, bekleiden, parfümieren und sogar bemalen darf. So ähnlich wie Kinder, die von ihren Eltern zu hochstilisierten Vorzeigeobjekten dressiert werden. Das sind aus meiner Sicht reine Objektbeziehungen und haben mit Liebe, Wertschätzung, Respekt, Einfühlungsvermögen und Verständnis für ein Gegenüber rein gar nichts zu tun.
Hunde leben mit uns im Familiensystem, als Familienmitglieder auf vier Pfoten, mit genau denselben sozio-emotionalen Bedürfnissen wie ihre zweibeinigen MitbewohnerInnen: nach Sicherheit und Schutz, nach Nähe, Zugehörigkeit und Verbundenheit. Und ich bin der Überzeugung, dass Hunde  – wie auch andere Lebewesen auf diesem Planeten – das angeborene Anrecht haben, ihre Individualbedürfnisse nach Anerkennung, Unabhängigkeit, Wertschätzung und Achtung zu befriedigen oder befriedigt zu bekommen.
Hunde haben so einen hohen Stellenwert in unserem Beziehungsgefüge, dass sie nicht selten zu unseren Alter Egos geworden sind. Wie der Begriff impliziert, geht es um den anderen – in diesem Fall den Hund – und um mich – in diesem Fall sein Mensch. Alter Ego bedeutet nichts anderes als: das Andere Ich. Der Mensch identifiziert sich nicht selten so mit seinem Hund, dass er aus seiner subjektiven Betrachtungsweise heraus das Gefühl hat, mit seinem Hund zu verschmelzen. Diese Verschmelzungstendenz des Menschen kann auch als Wunsch nach einer Symbiose verstanden und interpretiert werden. Eine Symbiose bedeutet im biologischen Sinn, ein funktionales Zusammenleben artfremder Individuen zum wechselseitigen Nutzen. Oder im heutigen psychologischen Verständnis eine Abhängigkeitsbeziehung, die meist negativ gedeutet wird. Ich behaupte, dass in der Beziehung Mensch – Hund sowohl die eine wie auch die andere Tendenz zum Tragen kommt. Der wechselseitige Nutzen in der Hund – Mensch Beziehung liegt aus meiner Sicht ganz stark auf der sozio-emotionalen Ebene. Natürlich lebt der Hund in einer Abhängigkeitsbeziehung mit seinem Menschen. Schon alleine deswegen, weil er sich sein tägliches Mahl nicht erjagen oder erstehlen soll, sondern brav das Futter – von Menschenhand gereicht – aus seinem Napf frisst. Und ich habe mich auch schon gefragt, wie abhängig denn der Mensch von seinem Hund ist? Zumindest auf einer emotionalen Ebene.
Viel bedeutsamer ist jedoch die emotionale wechselseitige Bezogenheit von Mensch und Hund. Mensch und Hund verstehen sich als Partner in einer komplexen sozialen Umwelt. Die beiden bilden eine Lebensgemeinschaft, wo es darum geht, sich aufeinander verlassen zu können, miteinander in Beziehung zu sein, sich gegenseitig zu vertrauen, sich miteinander wohl zu fühlen, gemeinsame Erlebnisräume und Freiräume zu haben.
Im Gegensatz dazu steht die Instrumentalisierung des Hundes durch seinen Menschen; die einseitige Befriedigung des Menschen nach Erfolg, Besitz, geliebt zu werden, Anerkennung – zum Beispiel bei Wettkämpfen - und Macht über ein anderes Lebewesen.
Eingangs erwähnt die Vermenschlichung des Hundes durch den Menschen. Es geht sicher nicht darum, aus dem Hund einen vierbeinigen Menschen zu machen oder aus dem Menschen einen zweibeinigen Hund. Beide Spezies dürfen und sollen in einer partnerschaftlichen Beziehung mit ihren artspezifischen Anlagen und Besonderheiten miteinander durch den Alltag und durchs Leben gehen. Es geht vielmehr darum, den Respekt, die Achtung und die Wertschätzung für „das Andere“ zu wahren und nicht aus „dem Anderen“ sein Ebenbild zu machen. Das ist die Aufgabe des Menschen und seine Verantwortung dem Hund gegenüber. Der Hund ist in dieser Hinsicht unser Vorbild: er schliesst sich seinem Menschen voller Vertrauen an, ohne dass er versucht, aus dem Menschen einen Hund zu machen.

Ich schliesse an dieser Stelle mit einem Zitat von Cicero, das gerade an mich rangetragen wurde: "Ein wahrer Freund ist gleichsam ein zweites Selbst". Und wahre Freunde sind meine Hunde für mich.

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