Rückruf – die Königsdisziplin

Wer kennt dieses Szenario nicht: ein Mensch mit Hundeleine steht in der Landschaft und ruft verzweifelt den Namen seines Hundes, gefolgt von einem verbalen Wortschwall wie: hierher, hier, aber sofort zu mir, du kommst an die Leine, wenn du nicht sofort zu mir kommst etc. Und ein fröhlicher Hund auf dem Feld, der nicht mal mit den Ohren zuckt sondern frei von der Leber weg sein Ding dort draussen durchzieht. Sehr ärgerlich für den Menschen und auch sehr peinlich (nicht für den Hund).

Wie kommt es überhaupt soweit, dass Hunde beim Klang ihres Namens von gerade auf jetzt einen Hörsturz erleiden? Nein, am lauten Tonfall des Menschen liegt es sicher nicht.

Schauen wir zuerst genauer an, was denn dieser ominöse Rückruf überhaupt ist:

Von der Bedeutung her ganz klar ein vom Menschen gesendetes Hör- und/oder Sichtzeichen, das den Hund dazu veranlassen soll, auf direktem Weg zurückzukommen. Tönt doch ganz einfach!

Und was bedeutet der Rückruf nun für den Hund? Der Hund denkt: nicht schon wieder, da riecht es doch gerade so gut; oder: geht’s noch? Bin gerade mitten im Spiel, das siehst du doch? Oder: so cool, wieder dieses tolle Fang-mich-Spiel, das mir immer so grossen Spass macht! Oder: ja, genau, so heisse ich, bin doch nicht dement! Ich weiss wo du bist Mensch, kannst aufhören mit Lautgeben!

Zusammengefasst ruft der Mensch also meistens dann, wenn der Hundi gerade so nett spielt oder schnüffelt oder jagt. Und schon wird der Rückruf zu einem Abbruchsignal. Sind wir doch mal ehrlich: wie prickelnd würde der Mensch es finden, sein soeben serviertes Essen stehen lassen zu müssen, weil es gerade an der Haustür klingelt? Und welches Kind würde subito zu seinen Eltern zurückrennen, wenn es gerade im Sandkasten die beste Freundin erblickt hat? Eben!

Genauso wie für uns Menschen muss es sich auch für den Hund lohnen, von etwas sehr Attraktivem wegbeordert zu werden. Im obigen Beispiel würde sich der Mensch nerven, wenn am anderen Ende des Telefons ein Callcenter ist; hingegen würde er sein Essen sicher noch so gerne stehen lassen, wenn er gerade die Lotteriegesellschaft an der Strippe hat.

Natürlich muss nicht immer der Superjoker ausgepackt werden. Aber damit der Rückruf wirklich auch funktionieren soll, darf mit Belohnung vorallem zu Beginn nicht gespart werden. Der Rückruf soll keine Strafe sein für den Hund, sondern etwas positiv besetztes.

An dieser Stelle sind einige Punkte aufgelistet, die dazu führen, dass der Rückruf immer unzuverlässiger befolgt wird:

Das Hörzeichen wurde unter Ablenkung eingesetzt, bevor es richtig verankert war

Dem Welpe und sehr jungen Hund zuviele Freiheiten gewähren, im Sinne von: der Kleine muss doch zuerst mal das Leben geniessen, sich austoben, spielen etc. Also von einem viel zu grossen Aktionsradius hin zu mehr Einschränkung. Umgekehrt muss es sein.

Den Hund mit Futter oder Spielzeug locken (das ist nur bei Welpen zu empfehlen). Irgendwann denkt der Hund: bekomme ich auch später noch, ich dreh schnell eine Runde. Die Belohnung kommt erst für das erwünschte Verhalten.

Das Hörzeichen wird sonst im Alltag oft beiläufig benutzt: komm wir gehen; komm mal schauen: komm mach sitz etc.

Der Hund muss nach jedem Zurückkommen auch noch Sitzen, der Mensch belohnt das Sitz und nicht das schnelle Kommen.

Körpersprache nicht einladend für den Hund: der Mensch neigt sich nach vorne, geht womöglich noch auf den Hund zu.

Stimme wird immer ärgerlicher und lauter, je länger es dauert. Der Hund wird langsamer kommen oder gar nicht, weil er eingeschüchtert ist oder seinen tobenden Menschen gar nicht ernst nehmen kann.

Der Mensch ruft im falschen Moment, also zum Zeitpunkt der höchsten Ablenkung

Das Hörzeichen ist nicht eindeutig, mal hier, mal zumir, mal kommher etc.

Das Hörzeichen ist nicht ausreichend gefestigt von wenig zu mehr Ablenkung und nutzt sich ab, weil der Hund das Hörzeichen unterläuft.

Der Rückruf wird immer nur dann angewendet, wenn ein anderer Hund oder Mensch entgegenkommt oder der Hund an die Leine soll.

Der Rückruf wird fast immer als Abbruchsignal genutzt. Rückrufe einfach so weil es Spass macht zum Meschen zu rennen, werden kaum im Alltag eingebaut

Zuviele Wiederholungen beim Üben

Die Belohnungen sind nicht angepasst und zuwenig variabel: ein Futterstück gegen ein abbgebrochenes Rennspiel mit einem anderen Hund; naja! –

Der Hundename wird dauernd und zu jeder Gelegenheit gerufen und wird für den Hund zu einer bedeutungslosen Floskel

Der Mensch ruft x-mal sein Hörzeichen für den Rückruf, ohne Erfolg; er wird vom Hund gar nicht mehr ernst genommen.

Der Kopfknuddel, wenn der Hund angekommen ist; empfinden die meisten Hunde als sehr störend

Schimpfen, wenn der Hund dann nach wiederholtem Rufen kommt; verknüpft der Hund dann mit dem Kommen und seinem Menschen, nicht sehr förderlich!

 

Rückruf – die Königsdisziplin, ja genau, richtig gelesen. Der Rückruf ist eine sehr komplexe Angelegenheit und ist für den Hund viel schwieriger umzusetzen als ein Sitz oder ein Platz. Und wenn der Rückruf sitzt, kann der Mensch seinem Hund mehr Freiraum gewähren. Aber erst dann.

Was muss denn der Hund alles leisten, bis er bei seinem Menschen ankommt?

Der Hund muss seine Aufmerksamkeit zuerst von einem Reiz wegnehmen und sich mit seinen Sinnen hin zu seinem Menschen orientieren. Darauf hin soll er sich in die Richtung seines Menschen in Bewegung setzten und auf diesem Weg alle Aussenreize wie andere Hunde, Menschen, Gerüche ignorieren, sich  seinem Menschen nähern, der in einer für den Hund unangenehmen Körperhaltung in der Landschaft steht. und zuguterletzt lässt der Mensch den Hund auch noch sitzen und knuddelt ihn am Kopf.

Hier ist anzufügen, dass Hunde es sehr unhöflich finden, wenn ein anderer Hund in so einem Affenzahn auf ihn zurennt. Oder Hunde sicher das Tempo rausnehmen, wenn der andere Hund sich grossmacht und imponiert.

Wie schaut ein Training aus, das zu einem freudigen und zuverlässigen Rückruf unter Ablenkung führt?

Jedes Hörzeichen muss zuerst konditioniert und jedes erwünschte Verhalten im ersten Lernschritt „eingefangen“ werden. Das Hörzeichen für den Rückruf soll im Welpen eine positive Stimmungslage hervorrufen. Zu Beginn wird das Hörzeichen mit etwas Positivem verknüpft. Beispiel: Doppelpfiff oder Hier bevor der Napf auf den Boden gestellt wird; oder Hier und gleich darauf ein Futterstück reichen. Gleichzeitig wird das erwünschte Verhalten eingefangen und im Moment des TUNS mit dem Hörzeichen belegt:

Beispiel: der Welpe rennt gerade sowieso auf seinen Menschen zu, dieser ruft in dem Moment freudig HIER (oder etwas anderes) und lobt den Welpen ausgiebig. Oder der Mensch geht rückwärts, sodass der Hund ihm folgen möchte und sagt dabei freudig das Rückrufsignal. Auf diese Weise lernt der Hund, dass das Hörzeichen HIER bedeutet, auf seinen Menschen zuzurennen. Nach vielen vielen Wiederholungen und an vielen vielen unterschiedlichen Orten geübt, kann dann etwas mehr Ablenkung hinzugenommen werden. Das neue Hörzeichen wird in dieser Phase des Aufbaus nicht in Situationen „getestet“, die für den Hund noch zu schwierig sind.

Im Weiteren ist es sehr von Vorteil, ein Umorientierungssignal aufzubauen. Das Umorientierungssignal ist NICHT mit dem Rückruf zu verwechseln, sondern dient dazu, den Hund erst mal ansprechbar zu machen und ihn von einem Reiz weg zu sich hin zu orientieren. Ein Umorientierungssignal (US) wird mit etwas Positivem – am einfachsten geht es mit Futter – konditioniert, sodass der Hund beim US erwartungsvoll aufschaut. Das US wird im Alltag immer wieder „aufgeladen“, auch später. Das US kann dann eigesetzt werden, wenn der Hund seine Aufmerksamkeit gerade woanders hat. Sobald der Hund dann auf das Signal hin aufschaut, wird das Hörzeichen für den Rückruf gegeben. Auch hier gilt dasselbe Prinzip: von keiner Ablenkung zu mehr zu viel Ablenkung. Und keine Tests zwischendurch.

Sehr von Vorteil und im Prinzip unumgänglich ist eine Belohnungsskala für den Hund.

Da Hunde unterschiedliche Vorlieben haben, sollte der Mensch für seinen Hund eine Belohnungs -  Liste erstellen. Was ist die grösste Belohnung für meinen Hund?

Bsp. einer solchen Skala:

Mit anderen Hunden spielen

In einem Mausloch buddeln

Rennspiel mit seinem Menschen

Wurststücke

Zerrspiel mit Mensch

Eine Spur verfolgen

Eine kleine Futtersuche im Gras

 

Und dann wird differenziert, womit der Hund belohnt wird und auch wann

Womit:
Beispiel: der Hundi buddelt in einem Mausloch. Auf den Rückruf hin flitzt er sofort zu seinem Menschen – Belohnung: gleich nochmals zum Mausloch schicken.

Beispiel: Hundi spielt mit anderem Hund; Rückruf – Hund rennt zu seinem Menschen – kurzes Lob und mit ok wieder zum Spielen schicken.

Beispiel: Hund lässt sich von einer rennenden Katze abrufen – Superjoker!!!! (siehe eigene Belohnungsskala)

Hund lässt sich von einer rumliegenden Grillwurst abrufen, Futterbelohnung vom Feinsten.

Wann:
Beispiel: Hund rennt schnell auf seinen Menschen zu  - Markerwort und einen Ball in die Laufrichtung werfen, sodass der Hund am Menschen vorbeirennen und den Ball holen darf. So wird der Hund nicht erst fürs Ankommen belohnt, sondern fürs schnelle Rennen.

Beispiel: kurz bevor der Hund bei seinem Menschen ankommt Markerwort und der Mensch schliesst den Rückruf mit einem Rennspiel ab.

Natürlich auch immer wieder fürs Ankommen belohnen.

Zudem kommen Hund und Mensch nicht um ein Schleppleinentraining (das aber an anderer Stelle) rum, wenn der Hund sich schon verselbstständigt hat. Der Hund darf auf keinen Fall mehr Erfolg haben, wenn er seine Ohren auf taub und Durchzug stellt.

Nun heisst es Üben Üben nochmals Üben.

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