Wenn unsere Junghunde die Welt der jagdlichen Gerüche entdecken…

…und verfolgen, steht der Mensch oft etwas ratlos und verloren in der Gegend und wundert sich über die erwachte Leidenschaft und Selbstständigkeit seines Sprösslings. Da rufts zwar in den Wald, das einzige was zurückkommt ist aber das Echo des immer lauter tönenden „HIER“.
Was geschieht da gerade? Eben erst hat mich der oder die Kleine doch auf Schritt und Tritt verfolgt draussen und mich nicht aus seinen / ihren  runden Kulleraugen gelassen, sagt der Mensch und wähnte sich bis zu diesem Zeitpunkt in einer gelassenen "Selbst"- Zufriedenheit, Sicherheit und Sorglosigkeit.
Und jetzt? Endorphine auf dem Höchststand (die des Hundes selbstverständlich), Adrenalin schiesst durch den jugendlichen Körper (den des Hundes versteht sich), die Welt wartet auf mich (auf den Hund natürlich) und will mit allen Sinnen entdeckt und erobert werden.


Beim Menschen lösen diese Momente, wo der Jungspund sanglos, dafür nicht selten mit viel Klang im Wald verschwindet, zuerst einen Adrenalinkick aus und dann, wenn dieser Zustand länger andauert und sich wiederholt, wird wohl auch das Cortisol messbar höher sein (das des Menschen meine ich).
Hunde haben unterschiedliche Passionen. Dazu gehört halt eben auch, mit dem wichtigsten Organ Gerüche zu verfolgen, Bewegungsreize zu sichten und der unmittelbare Wunsch, diese aus der Nähe zu betrachten, die eigenen vier Beine möglichst schnell zu bewegen, um im dichten Grün des Waldes ja nichts zu verpassen. Oder die Vorderpfoten wie ein Maulwurf in einen Erdhügel zu rammen, gefolgt von einer Nase und dem Mäuselsprung. Auch Schwimmen steht nun immer öfters auf dem selbstgemachten Fitnessprogramm; und wenn der gefiederte Braten auch bereits am Baden ist, umso verlockender.
Glückshormone schweben wie unendlich viele Sternschnuppen durch das so beschäftigte Hundehirn. Ein dichter Nebel von Endorphinen umhüllt unseren bislang so folgsamen Junghund. Mehr mehr mehr davon.
Und dann folgen die Massnahmen des Menschen: Anti Jagd Training, Rückruftraining, Schleppleine, Wurfketten, Wald vermeiden, nur noch angeleint durch die Gegend spazieren etc.
Aus meiner Sicht hat aber das Problem schon viel früher angefangen, auch wenn es da nicht für den Menschen ein solches war, sondern für den Welpen. Nämlich die viel zu oft ausbleibende motivierende, lobende, freudige Interaktion und Reaktion des Menschen auf all die vielen Kontaktversuche und Beziehungsangebote des Welpen. Das muss doch einfach frustig sein.
Dabei wäre es so einfach: all die Tratsch- und Kaffeeplauschspaziergänge mit anderen Hundehaltern und deren Vierbeinern aus dem Alltag streichen. Das Telefonieren auf zu Hause zu verschieben. Sich ganz (damit meine ich 100%) seinem Hund zu widmen draussen und diese Zeit zu zweit einfach in vollen Zügen zu geniessen. Was gibt es schöneres, als mit seinem vierbeinigen Begleiter die Natur zu entdecken? Gemeinsam unterwegs zu sein, einander kennenzulernen, die jeweiligen Sprachen zu verstehen, sich immer mehr aufeinander verlassen zu können. Das geht nun mal nicht, wenn man abgelenkt ist oder seinen Gedanken nachhängt.
Es ist doch häufig so, dass unsere Hunde - vorallem die Welpen - uns dauernd fragen mit ihrem Blick: ist das ok so? Bist du einverstanden? Darf ich losrennen? Ist die Situation in Ordnung? Freust Du Dich mit mir, Mensch? Hast Du gesehen, was ich gerade Tolles entdeckt habe? Oder immer wieder unsere Nähe suchen, von sich aus warten unterwegs oder zu uns zurückkommen.
Und was macht der Mensch? Er nimmt das wie selbstverständlich hin. Gelobt wird für ein zirkusreifes Sitz oder Platz – und zwar dann, wenn der Mensch das verlangt. Aber was ist mit all den vielen wertvollen Momenten, wo unsere Hunde uns soviel schenken und anbieten und wir das einfach übersehen? Weil wir gerade in Gedanken versunken sind, am Handy hängen, mit einer WeggefährtIn plaudern, da sich die Hunde ja wie von selbst so nett miteinander unterhalten.
Sind wir doch mal ehrlich: wie wäre es Ihnen als Kind ergangen, wenn sie für eine aus ihrer Sicht coole Leistung nicht gelobt wurden? Oder wenn Ihre Eltern Ihnen auf einem Spaziergang kaum Beachtung geschenkt hätten, weil sie ja sowieso in der Nähe der Eltern geblieben sind? Kein gemeinsames Erkunden der grossen Welt, keine Ermunterung, ausser, man hätte von Ihnen verlangt, einen Handstand zu machen. Kein gemeinsames Erforschen von Spuren im Wald, kein Fangis- oder Versteckisspiel, kein Hüpfen über Bäche oder Suchen nach verborgenen Schätzen. Sie wären vermutlich mit der Zeit nicht mehr auf solche Ausflüge mitgegangen und hätten vehement gestreikt.
Unsere Hunde können leider nicht streiken, aber irgendwann ihr eigenes Ding machen und sich andersweitig beschäftigen, sobald die Leine weg ist. Der Mensch ist langweilig, nicht präsent und abgelenkt. Was soll ich da neben ihm hertrotten, den x-ten Blick verschwenden, meinen Menschen anhimmeln, ihn auffordern, wenn der Ertrag nur sehr mässig ausfällt?
Und dann passiert es wie oben beschrieben: der Hormoncocktail in der Pubertät sorgt für den nötigen Schub an Selbstvertrauen, um allein in die weite Welt zu ziehen, resp. zu preschen. Wieso sollte er jetzt abfragen, in einer für ihn so wichtigen Situation, wenn er auch vorher auf seine Fragen nur selten eine Antwort bekommen hat von seinem Menschen?
Natürlich gehen auch mal sehr bezogen Hunde von sehr bezogenen Menschen stiften. Das gehört wohl einfach zum Erwachsenwerden dazu. Wichtig ist, dass wir ehrlich zu uns selber sind und obigen Punkte hinterfragen. Erwarten Sie nicht 100% von Ihrem Hund, wenn Sie nur bereit sind, 50% zu geben.


Ich möchte an dieser Stelle ein Buch empfehlen, das eine ganz andere Sichtweise auf die Leidenschaft unserer Hunde, das Jagen eröffnet. Die Autorin Ulli Reichmann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit jagenden Hunden. Erwarten Sie keine Anweisungen, dem Hund das Jagen abzutrainieren oder ein sogenanntes Anti-Jagdtraining. Ganz im Gegenteil: Sie werden mit Ihrem Hund auf die Pirsch gehen und gemeinsam die belebte Natur entdecken. Jagen ist Teamarbeit. Aber keine Angst, Ihr Hund wird sich nicht noch weiter von Ihnen entfernen sondern mit der Zeit an Ihrer Seite sein, weil Sie zum Teampartner oder zur Teampartnerin geworden sind.  Achtung Nebenwirkungen: dieses Buch kann Ihr Leben mit Ihrem Hund verändern!


Wege zur Freundschaft
… eine Liebeserklärung an jagende Hunde
Ulli Reichmann; ISBN 978-3-7386-5242-0

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