Alltagstraining auf dem Hundeplatz - ein Widerspruch in sich

 

" Zu Hause kann er das immer". Oder: "Auf dem Platz geht mein Hund so schön an der Leine und himmelt mich an, aber draussen zieht er wie ein Ochse". Oder: "Hier auf dem Platz ist er so brav mit anderen Hunden und draussen benimmt er sich wie ein Halbstarker beim Kreuzen von anderen Vierbeinern". So oder ähnlich sind die Sorgen, wenn Menschen zu mir ins Einzelcoaching oder in Privatstunden kommen. Woran mag das wohl liegen?


Zuerst müssen wir ein paar Begrifflichkeiten klären:
Soziales Lernen bedeutet, dass der Hund lernt, wie er sich mit Artgenossen und Artfremden zu benehmen hat; es beinhaltet das grosse Hunde- Einmaleins, das jeder Vierbeiner intus haben sollte, vom Menschen natürlich ganz zu schweigen. Es geht darum, dass sich Mensch und Hund in allen Situationen des Alltages sicher und aufeinander eingestimmt bewegen, die natürlich Umwelt erkunden und Spass haben am Gemeinsamen tun.
Formales Lernen ist mehr der Hobby- Bereich des Hundes (oder seines Menschen). So wie wir Tennis spielen, Leichtathletik betreiben oder Eiskunstlaufen, gehen wir mit unseren Hunden in die BH-Gruppe, machen Agility oder Spass Sport, ZOS oder Fährten, IPO oder VPG, Dogdance oder Mantrailing. Die Auswahl ist gross und die Entscheidung nicht einfach. Aber zu dem an anderer Stelle.
Ein weiterer Begriff ist Generalisieren: damit ist gemeint, dass der Hund eine Übung oder ein Verhalten an ganz vielen unterschiedlichen Orten, unter wenig und dann mehr Ablenkung viele Male wiederholen muss, bis er ein sicheres und abrufbares Verhaltensprogramm daraus gebildet hat.
Alltagstraining beinhaltet ausgewogene Beschäftigung und Trainingseinheiten unterwegs, einen an uns orientierten Hund mit ausreichend Innenfokus, Spaziergänge sinnvoll zu gestalten, im öffentlichen Raum sicher und lustbetont unterwegs zu sein.
Hunde lernen sehr ortsbezogen. Deshalb funktioniert eine Platzübung auf einem Bänkli wunderbar, aber wenn wir sie dann am Boden machen wollen, versteht der Hund nur Chinesisch. Genauso wie ein Sitz im Wohnzimmer und ein Sitz im Wald oder sonstwo. Oder das weiter oben genannte Leinengehen auf dem Hundeplatz oder im öffentlichen Raum.  Letztere nenne ich das ES - GEHT - ZUHAUSE - PHÄNOMEN. und das HUNDEPLATZ - SYNDROM
Wenn wir uns im formalen Lernbereich aufhalten, mag es ja Sinn machen, auf einem Rasenplatz oder eben Hundeplatz zu sein ( Geräte vorhanden, ausreichend gross und rechteckig für alle BH und IPO Übungen, Clubhaus :-), Agi-Parcour etc.). Einschränkungen oder Nachteile sehe ich darin, dass. auch im Hundesport der Hund das Lernen mit dem jeweiligen Platz verknüpft. Auch emotional, was man an der zum Teil extrem hohen Erregungslage der Hunde erkennen kann. An Prüfungen tönt der Satz dann etwas abgewandelt: "Zu Hause im Training (sprich eigener Hundeplatz), macht er das aber nie!"
Sehr wenig Sinn eines Trainings auf dem Hundeplatz sehe ich im Bereich des sozialen Lernens, wo eben auch alle Trainings- und Beschäftigungsmöglichkeiten darunter fallen, die man im Alltag wunderbar umsetzen kann. Denn ein im Alltag - sprich auf den Spaziergängen -  ausgelasteter Hund hat viel weniger Blödsinn im Kopf, weil er eben MIT UNS unterwegs ist.  Wie schon gesagt, verknüpfen Hunde Erlerntes mit dem Ort oder der Situation. Es kann doch nicht sein, dass der Hund auf dem Platz ein lockeres an der Leinegehen zeigt, seinen Menschen aber vom Auto Richtung Platz und zurück zieht. Oder  auf dem Platz den anderen Hunden keine Beachtung schenkt, weil er in Erwartung der Belohnung an der Seite seines Menschen klebt und ihn anhimmelt, auf dem Weg zum Auto aber jeden Vierbeiner am liebsten angehen würde. Auch Abrufen auf dem Platz funktioniert meistens wunderbar, weil ja dort bereits die Belohnung winkt. Aber wehe, wenn sie losgelassen: da sieht der Mensch auf den Spaziergängen seinen Hund oft mehr von hinten als von vorne.
Aus meiner Sicht liegt es auch daran, dass der Mensch es auf dem Platz schafft, sich ganz dem Hund zu widmen und präsent und konzentriert zu sein, während er auf dem täglichen Spaziergang nicht im Übungsmodus ist (der Mensch, meine ich). Meine Frage: wo wollen Sie denn üben, wenn nicht auf dem Spaziergang? Wieviele Stunden am Tag sind Sie öffentlich mit Ihrem Hund unterwegs und wieviele Stunden in der Woche auf dem Hundeplatz? Das geht doch nicht auf. Würde es funktionieren, hätten die Hundebesitzer nach x Übungsstunden auf dem Hundeplatz viel weniger Mühe, auf dem Spaziergang einen führbaren Hund mit Innenfokus an ihrer Seite zu haben.
Auch bei Trainings im öffentlichen Raum kann man mit wenig und mehr Ablenkung arbeiten, vielleicht nicht immer ganz so konstruiert und berechenbar wie auf einem Hundeplatz, aber aus meiner Erfahrung doch ausreichend plan- und durchführbar. Als Trainerin muss man sich halt etwas mehr einfallen lassen und schauen, in welchem Gelände man was üben möchte, wo die Lernbedingungen für die jeweilige Lektion ideal sind. Alles, was der Alltag bietet, kann genutzt werden, natürlich  immer mit Rücksicht auf Umwelt, Mitmenschen und Mithunde.
Aus den genannten Gründen propagiere ich, dass soziales Lernen dort stattfinden soll, wo es eben auch soziales - sprich - Alltagsleben gibt, mit allen situativen Herausforderungen: im natürlichen Umfeld und nicht zum grossen Teil auf einer eingezäunten Rasenfläche. Deshalb finden meine Kurse Training- und Beschäftigung sowie die Junghundekurse zum grössten Teil nicht auf dem Hundeplatz statt.
Und noch was: ein Hund mit hohen sozialen Kompetenzen und Fähigkeiten bringt auch bei seinen Hobbies auf dem Hundeplatz viel weniger aus der Ruhe als einen Platzhirschen, der das Einmaleins des Alltages nicht hat lernen dürfen.
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