Dominanz - ein oft missverstandener Begriff

Immer wieder höre ich die Aussage: "Mein Hund ist so dominant". Untersuchen wir eine sogenannt "dominante" Situation genauer, geht es meistens darum, dass der Hund sich Freiheiten rausnimmt, die wir ihm nicht zugestehen wollen, es aber verpasst haben, unserem Vierbeiner eine klare Regel aufzustellen, an der er sich orientieren kann.
"Grundsätzlich gilt: zu einer Dominanzbeziehung gehören immer zwei, einer der dominiert und der andere, der sich dominieren lässt. Wollen beide dasselbe, entsteht ein Konflikt, der geklärt werden muss" (G.Bloch, E. H. Radinger, 2010, S.32).

Weiter erwähnen G. Bloch, E. H. Radinger (2010), dass echte Dominanzbeziehungen zwischen Mensch und Hund sehr selten sind, da der Mensch im Normalfall das Tagesgeschehen bestimmt und der Hund sich einfügt. Ich möchte hier anfügen, dass fast alle Hunde sehr froh und dankbar sind, dass sie sich in einen geregelten Tagesablauf einfügen dürfen, in dem es klare Regeln, sich wiederholende Rituale, berechenbare und zuverlässige Bezugspersonen und viel Sicherheit und Geborgenheit gibt. Sie möchten alles andere als zum "Leittier" aufsteigen.
Eine weitere wichtige Aussage nach G. Bloch, E.H. Radinger (2010) ist, dass es zwischen Hund und Mensch keine strikte hierarchische soziale Rangordnung gibt, da diese dem Recht der Fortpflanzung dient.
Zudem führen G. Bloch und E. H. Radinger (2010) den Unterschied zwischen formaler und situativer Dominanz auf. Bei der formalen Dominanz gehe es darum, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln in einem Rudel und bei gegebener Gelegenheit den eigenen Willen durchzusetzen. Dazu gehöre zum Bespiel das Recht, anderen Gruppenmitgliedern den Weg zu versperren, in eine Ecke zu drängen oder diese runter zudrücken. Dabei gehe die Beziehung nur in eine Richtung. Grundsätzlich diene die Umsetzung von formaler Dominanz der Vermittlung von Schutz.
Situativer Dominanz hingegen sei in einer aktuellen, momentanen Situation gegeben. Hier gehe es in erster Linie um Ressourcen, welche der eine hat und der andere gerne haben möchte (zum Beispiel einen Knochen oder einen Stecken oder die Nähe zur Bezugsperson oder einen begehrten Liegeplatz etc.). Wer sich in dieser Situation dann durchsetzt, ist bezogen auf diese situative Dominanzbeziehung das dominante Tier oder eben der dominante Mensch. Geschlecht, Rang und Alter spielen da keine Rolle.
Was bedeutet das nun für uns als Hundehalter im Zusammenleben mit unserem Vierbeiner? Wie wir aus den vorhergehenden Erläuterungen ableiten können, spielt die situative Dominanz (Ressourcen) wohl die grösste Rolle. Ein Beispiel dazu: unser Liebling möchte sich in unserem  Bett einnisten, wir hingegen ziehen es vor, diesen Bereich alleine für uns zu beanspruchen. Folglich machen wir dem Hund klar, dass er gefälligst in seinem Korb oder auf seiner Decke bleiben soll. Wir stellen die Regel auf: Fido, Du liegst auf Deinem Platz, mein Bett ist tabu. Achtung: ich sage hier nicht, dass der Hund nicht ins Bett darf, sondern einzig, dass wir bestimmen, ob wir das möchten oder eben nicht. Anderes Beispiel: Luna hat sich auf dem Spaziergang ein altes verschimmeltes Brötchen ergattert und ist gerade dran, dieses zu verschlingen. Da wir das auf keinen Fall zulassen möchten, bemühen wir uns, das Teil wieder aus Lunas Fang zu bekommen mit einem AUS oder LASS oder mit einem beherzten Griff in denselben. Wir stellen die Regel auf: Du gibst mir etwas aus deinem Fang, wenn ich das möchte, weil da etwas nicht reingehört. (Anmerkung: besser wäre natürlich, dass das Brot gar nicht erst dorthin gelangt). Wie wir sehen, braucht es immer zwei Beteiligte, wenn es darum geht, die eigenen Interessen durchzusetzen oder eben einen Konflikt zu klären.
Wie G. Bloch und E.H. Radinger (2010) treffend beschreiben, haben wir uns bei der formalen Dominanz (Schutz und Sicherheit) im Zusammenleben mit unserem Hund dazu verpflichtet, diesen zu schützen, wenn er in eine schwierige oder gefährliche Situation gerät. Wir als Hundehalter haben die primäre Aufgabe, unserem Hund Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Er soll an unserem Alltag teilhaben und mit uns unterschiedlichste Situationen sicher bewältigen können. Dazu gehört eben auch, seinen Hund auf dem Spaziergang vor Übergriffen durch andere Hunde zu schützen. Ein Beispiel gefällig? Wir führen unseren Liebling an der Leine spazieren, ein anderer Hundebesitzer kommt uns entgegen mit seinem frei laufenden Hund und ruft schon von weitem: der macht nichts, will nur spielen. Wir wissen aber, dass unser Hund eher ängstlich ist, wir ihn gerade jetzt auch nicht von der Leine lassen möchten, der andere Hund aber in gestrecktem Galopp auf uns losstürmt. Was tun? Wir haben die Pflicht, unserem Hund zu signalisieren: "du bist in Sicherheit, ich regle die Situation für dich." Ich persönlich ziehe es vor, dem Stürmer einen ganz deutlichen Schritt mit aufrechter Körperhaltung entgegen zu gehen und wenn möglich auch  noch verbal den Hund auszubremsen. Funktioniert meistens, da der andere gar nicht damit rechnet, eine so deutliche Ansage zu bekommen. Was lernt unser Hund? Cool, bei dir fühle ich mich sicher. Zum Schutz gehört für mich auch, dass keine fremden Menschen meinen Hunden ungefragt und ohne Vorwarnung an den Kopf fassen, nach dem Motto: "Ach ein Goldi, die sind ja so nett." Hier gilt, keine Rücksicht auf mögliche enttäuschte "Hundebetätschler" zu nehmen, sondern den eigenen Hund in seinem Raum und seiner Integrität zu schützen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Wenn wir einen Hund in unsere Familie integrieren, egal ob Welpe oder erwachsender Hund, müssen wir uns bereits im Vorfeld klar sein, welche Hausstandsregeln wir aufstellen. Ganz wichtig ist, dem Hund einen eigenen Ruheplatz zuzuweisen, auf den wir ihn schicken können und wo er sich geborgen und sicher fühlt. Wir definieren für uns, was wir dem Hund zugestehen und wo wir eine Regel aufstellen. Was aber nicht heisst, dass der Hund nicht auch seine Freiheiten haben darf. Es geht bei den Regeln um grundlegende Entscheidungen, die das Zusammenleben berechenbar und harmonisch gestalten für alle Beteiligten und nicht darum, den Hund dauernd unter der Fuchtel zu halten. Ich halte wenig von solchen Aussagen, wie: mein Hund muss immer hinter mir durch die Türe, oder ich esse immer vor meinem Hund oder mein Hund darf nicht auf erhöhte Liegeplätze, muss immer hinter mir gehen etc. Da steckt ein "altes" Dominanzverständnis dahinter, was ich aber an dieser Stelle nicht näher erläutern möchte. Ich entscheide jeweils situativ, ob der Hund mal vor mir durch die Balkontüre in den Garten darf, er aber, wenn ich es für angebracht halte, hinter mir zur Haustüre raus geht. Und wenn mein Hund das Sofa freigibt, wenn ich das Möbel für mich beanspruchen möchte, habe ich kein Problem damit, wenn er es sich auch mal bequem machen will dort oben. Oder wenn die Umgebung es zulässt, dürfen meine beiden Hundedamen auch vor mir die Natur erkunden.
Ganz wichtig ist, dem Hund durch einen geregelten Tagesablauf, dieselben Rituale, verlässliche und gleichbleibende Ansagen und Regeln Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Sind wir launisch, haben unsere Emotionen nicht im Griff oder befinden uns dauernd in einem emotionalen Wechselbad, ist das für einen Hund Stress pur. Auch ein Tagesablauf, der 7x die Woche anders ausschaut, ist für einen Hund sehr belastend und auf Dauer höchst ungesund.
Wollen wir einen Hund, der sich an uns orientiert und sich auf uns verlässt, müssen wir dem Hund Vorbild sein.
Ich möchte hier schliessen mit einem Zitat von G. Bloch und E.H. Radinger (2010, S.35) "Autorität geniesst, wer wenig Aggression zeigt, wer sich ruhig und besonnen durchsetzt und wer vor allen Dingen verlässlich ist und alles regeln kann, was er regeln will. Wer als Hundehalter ständig aggressiv ist, demonstiert Hilflosigkeit, was das genaue Gegenteil von Dominanz ist".

Quelle: Günther Bloch, Ellie H. Radinger, 2010, Wölfisch für Hundehalter, Verlag: Kosmos, Stuttgart

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