Wieviel Sozialspiel braucht der Hund?

Die meisten HundehalterInnen gehen von der Annahme aus, dass ihr Hund am glücklichsten ist, wenn er möglichst viele Spielkameraden angetroffen hat auf dem Spaziergang. Oft wird auch die Route so ausgewählt, dass viele andere Hundchen unterwegs sind, mit denen der eigene Liebling dann so nett herumtollen kann. Die Menschen schauen jeweils zu und  erfreuen sich an den nicht selten sehr lebhaften "Spielen" ihrer Lieblinge. Und je mehr die Hunde rennen und toben, desto öfters fällt der Satz: "Schau wieviel Spass die haben miteinander".

Will der eigene Bello mal nicht von sich aus Klein- oder Gross- Berta begrüssen, weil er gar keinen Bock auf diese Begegnung hat,  wird er sogar von seinem Menschen aufgefordert, mutig hinzulaufen und mit einem herzhaften: "Los, geh schön spielen!", weggeschickt.  Der Hund steht da und versteht die Welt nicht mehr.  Er will doch gar nicht hin, weil ihm der andere möglicherweise suspekt ist,  er sowieso schon verunsichert ist, sich gerade lieber alleine aufhält und die Welt erschnuppert oder weil er eben lieber bei seinem Menschen bleiben will.  Also bitte, was soll das denn?
Schauen wir doch an, was Spiel - hier das Sozialspiel mit Artgenossen - beinhaltet. Ganz wesentlich ist, dass in unserem Fall das Sozialspiel (es gibt auch das Solitärspiel) Lust betont und ohne Ernstbezug stattfindet. Das Spiel ist nicht zielgerichtet und es fehlt die Endhandlung.  Die Rollen wechseln im Spiel,  die Bewegungen des Hundes sind übertrieben,  locker, er hat eine geringe Körperspannung,  typisch auch ein entspanntes Schwanzwedeln und das sogenannte Spielgesicht.  Wichtig ist auch, dass das Spiel von jedem Spielpartner beendet werden kann.
Wenn wir ein Wolfsrudel beobachten, sehen wir entspannte Junghunde oder auch ältere Semester, die gerade aus einem gemütlichen Mittagsschlaf erwacht sind, sich recken und strecken, entspannt den Kontakt mit einem anderen Rudelkollegen suchen und aus dieser Entspanntheit heraus ein Spiel beginnen.  Dabei erkennen wir Verhaltenssequenzen aus dem Jagdverhalten,  dem Fluchtverhalten, dem Aggressionsverhalten, sowie dem Demuts- und Sexualverhalten. Alles ohne Ernstbezug und nur so zur Freude und dauernd wechselnd. Würden wir eine geschlossene Hundegruppe (Rudel)  in freier Wildbahn lebend beobachten, sähe es ähnlich aus.
Betrachten wir im Alltag Hundehalter und deren Hunde, bietet sich uns ein anderes Bild: erregte und zerrende Hunde an der Leine, lospreschende Körper, wehe wenn sie freigelassen. Zudem definiert der Mensch Spiel ganz anders als sein Hund. Für den Menschen heisst spielen, mit anderen Hunden toben oder Bälle und Stöcke werfen. Letzteres ist alles andere als Spiel, weil es immer wieder zielorientiert und auf den Ball ausgerichtet ist und einen festgelegten Bestandteil der Jagdkette ausmacht (Beute fixieren, hetzen und packen). Und schon haben wir den Beutetrieb aktiviert und das Jagdverhalten auf bewegliche Objekte gefördert. Weil diese Art von Beschäftigung in hohem Mass selbstbelohnend ist und anstelle des Menschen auch eine Ballwurfmaschine stehen könnte, wirkt es sich sowohl auf die Bindung Mensch - Hund als auch auf das Jagdverhalten äusserst negativ aus.
Aber kehren wir wieder zurück zum Sozialspiel mit einem oder mehreren Hunden. Bereits in der Welpenspielgruppe  - wie es der Name schon - gehen die noch "frischen" Hundehalter von der Annahme aus, dass es eine Art Kinderspielgruppe ist und die Welpis möglichst viel spielen sollen miteinander, weil das für die Entwicklung sehr förderlich ist.  Die Hundebesitzer kommen mit ihren Welpen auf den Platz, ihr Welpe im Hoppelgalopp an stark gespannter Leine prescht voraus.
Was passiert? Die Welpen befinden sich schon in einem erregten Zustand und werden dann aus dieser Situation raus aufeinander losgelassen. Wie oben beschrieben findet Spiel aus einer entspannten Atmosphäre heraus statt. Alles andere ist Stress und kontraproduktiv.   Was hat der Welpi nun gelernt? Im besten Fall hat er einfach Glück, wenn die anderen eher gemütliche Hunde sind. Im schlimmsten Fall verknüpft der Welpe: Spiel  ist grob, alles andere als entspannt, ich werde gejagt und muss mich verteigen oder ich jage alles, was vier Beine hat. Und was ist mit meinem Menschen? Der steht blöd dabei und schaut zu, wie die mich vermöbeln oder wie ich allen aufs Dach geben kann.
Gerade in der Welpenstunde könnte man dem gegensteuern, indem man die Welpis zuerst kontrolliert miteinander Kontakt aufnehmen lässt, auch auf Distanz, der Welpe lernt mit seinem Menschen zu kooperieren, zur Ruhe zu kommen und auch unter Ablenkung auf seinen Zweibeiner zu achten. Und aus dieser Ruhe heraus lässt man ganz gezielt zwei oder drei passende Welpen miteinander spielen. Und bitte auch nur kurz, damit sich die Spannung im Spiel nicht hochschaukelt und kippt.
Auf Spaziergängen ist es nicht anders. Mensch sieht Hund, Hund erspäht Hund, Mensch clickt Karabiner los, eventuell noch ein flüchtiger Blick von Hund zu Mensch, die Körperspannung steigt, nicht zuletzt verstärkt durch ein konditioniertes: SITZ . Der Hund vibriert im Sitz und wartet nur darauf, dass er endlich! das erlösende und befreiende Clicken oder den Ruf seines Menschen: LAUF vernimmt. Und was passiert? Mindestens ein Hund ist nicht mehr entspannt, was aber Voraussetzung für ein entspanntes und erfreuendes Spiel sein sollte. Und wenn zwei solche Vierbeiner aufeinander lospreschen,  ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Begegnung nicht gerade zufriedenstellend für alle Beteiligten verläuft. Sinnvoller wäre, dem Hund beizubringen, wie er soziale Kontakte und Begegnungen in Ruhe und vor allem auch höflich gestalten kann. Viele Hunde rennen in gestrecktem Galopp auf ihr Gegenüber zu oder ducken sich lauernd auf den Boden, was in der Hundesprache ein totaler Affront ist. Und schon wieder haben wir die Situation, dass kein Spiel entsteht, weil die Lage in diesem Moment sehr angespannt ist.
Gerade bei den Retrievern aber auch bei den ganzen Hüterassen ist das oft der Fall. Sie rüppeln und rempeln und zeigen zu allem hin noch ein für das Gegenüber lästiges aktives submissives Verhalten mit Schnauzenstossen und Dauerlecken.  Und das genervte Gegenüber reagiert nicht selten unwirsch und grob, was aus seiner Sicht auch vollkommen in Ordnung ist. Was lernt unser Junghund? Hundebegegnungen sind nicht wirklich lustbetont.  Wenn ein junger Hund so stürmisch jeden und alles begrüsse will, hat der Mensch das Gefühl, dass sein Hund besonders kontaktfreudig ist und absolut gerne mit Hunden spielen will. Leider ist das in nicht wenigen Fällen eine irrige Annahme. Viele Hunde  sind eher unsicher im Kontakt mit Artgenossen, zeigen aber ein aktiv beschwichtigendes Verhalten und können sich da kaum zurückhalten. Der Mensch erkennt diese Signale nicht und denkt: der freut sich tierisch. 
Bevor man den Hund auf die Spielwiese entlässt, würde man ihm einen Riesengefallen tun, ihn in der höflichen Kontaktaufnahme mit Artgenossen zu unterrichten. Das heisst, wir zeigen ihm, dass er auch bei Hundebegegnungen entspannt sein darf, auf hündisch korrekte Art Kontaktaufnimmt (Bogenlaufen, Beschnuppern, Blick abwenden etc.) und sich immer wieder an seinem Menschen orientiert. Anstatt im zarten Welpen- und Junghundealter den Hund zum Begrüssungsjunkie zu machen, geben wir ihm so die Chance, dass er eben nicht zu jedem Vier- oder Zweibeiner hin muss und denselben auch auf Distanz ruhig wahrnehmen kann. Ob es dann ein Beschnuppern gibt oder eventuell  ein gemeinsames parallel Gehen an der Leine und eventuell dann ein kurzes gemeinsames Sozialspiel aus der Ruhe heraus, entscheidet der verantwortungsvolle Hundehalter von Mal zu Mal wieder neu.

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