Präsenz und Achtsamkeit

In diesem Beitrag möchte ich den Fokus auf das Thema Präsenz und Achtsamkeit im Umgang mit dem Hund richten.
Meine Behauptung ist: wenn niemand die Leine erfunden hätte um die Hunde daran festzuhalten, wären wir viel präsenter und achtsamer und würden unsere Hunde viel klarer, konkreter und mit dem Herzen führen.

Wenn ich im Alltag Mensch - Hund - Teams beobachte, sehe ich nicht selten einen Zweibeiner mit angespannter Leine hinter seinem Hund hergehen oder diesen über die Leine daran hindern, irgendwo hin zu gehen. Die Leine ist sehr praktisch, weil der Hund ja daran gefesselt ist und sich per se nicht von uns entfernen kann. Egal, ob wir gerade mit unseren Gedanken völlig an einem anderen Ort sind, mit der Kollegin auf dem Hundespaziergang plaudern, das Handy am Ohr haben oder sonstwie absorbiert sind. Ein Leinenruck, ein hektisches Kurzfassen der Leine, ein Ziehen an der Leine, all das sind Methoden, die der Mensch zur Verfügung hat, um das Verhalten des Hund zu beeinflussen. Die Leine wird zum permanenten Rettungsanker und könnte somit auch als Rettungsseil bezeichnet werden, nach dem Motto: "Wir haben ja die Leine, da muss ich mich als Mensch nicht sonderlich anstrengen, beim Hund zu sein."
Ein Beispiel aus der Praxis: Bella ist an der Leine, ihr Mensch geht seinen Weg. Da taucht am Horizont ein anderes Mensch - Hund - Paar auf, noch etliche Meter von Bella und ihrem Menschen entfernt. Die beiden kommen näher, Bellas Mensch verkürzt die Leine immer mehr, hält sich verkrampft daran fest, redet beschwichtigend auf seinen Hund ein und die Dinge nehmen ihren Lauf. Je näher das andere Paar, desto mehr hängt sich Bella in die Leine und will nur noch dorthin. Die Begegnung wird zum Kraftakt zwischen Hund und Mensch. Der Höhepunkt ist spätestens auf gleicher Höhe mit dem anderen Paar erreicht und Bellas Mensch gelingt es nur noch, diese an den beiden vorbeizuzerren.

Es gibt noch etliche andere Situationen, wo der Mensch dem Hund mittels Leine zu verstehen gibt, was dieser zu tun hat oder eben nicht: etwas am Boden liegen lassen, ihn ins Sitz befördern mittels Ruck nach oben, die Richtung wechseln etc.

Man stelle sich vor, es gäbe keine Leinen. Oder die Leine darf nur mit 2-3 Gramm zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten werden und muss immer durchhängen. Ansonsten löst sich die Leine in Luft auf. Was muss der Mensch verändern, um trotzdem  - oder gerade deswegen - mit seinem Hund durch den Alltag zu kommen?

Ganz sicher in jeder Sekunde präsent und achtsam bei seinem Hund sein. Wenn ich etwas von meinem Hund möchte, muss ich ihm das zuerst mitteilen und zwar mittels Körpersprache, Gestik und eventuell einem Signalwort. Wenn die Leine durchhängen soll, muss ich viel früher reagieren, zum Beispiel, wenn sich beim Bei-mir-gehen der Hundekopf an meinem Bein vorbeischieben möchte. Schon im Ansatz ein kurzes "he" oder "schsch", Hund nimmt sich zurück in die Position und herzlich loben. Das kann ein Lächeln, ein Brav oder je nach Ausbildungsstand auch mal ein Gudi sein, letzteres immer nach dem Markerwort. Im obigen Beispiel mit der Hundebegegnung muss ich schon viel früher anfangen, dem Hund einen klaren Rahmen zu geben und die Sicherheit, dass ich die Führung übernehme. Sicher 5 -6m (je nach Ausbildungsstand des Teams auch vorher oder etwas später) vor der Begegnung und nicht erst, wenn die Hunde fast zusammenstossen. Klar und bestimmt ein "he", wenn er nach vorne möchte, klar und bestimmt ein Lob wenn er sich an mir orientiert. Auch hier ist es wichtig, den Hund nicht zu beschwichtigen oder sich mit einem netten Stimmchen bei ihm für seine Freundlichkeit zu bedanken, mal nicht loszugehen . Klar und sicher Führen heisst: "Bella, bei mir ist dein Ort, ich übernehme!"; aufrechte Körperhaltung, entspannt und trotzdem präsent; in dieser Haltung führe ich meinen Hund zu und an der Begegnung vorbei. Achtung: meistens ist der Mensch so froh, es irgendwie geschafft zu haben, dass er fast noch auf gleicher Höhe oder kurz danach in sich zusammenfällt und der Hund gleichzeitig aus seinem sicheren Rahmen. Nach der Begegnung noch 5-6m weiter in dieser totalen Achtsamkeit und Präsenz, ein Lob darf natürlich sein.

Wie kommt man zu mehr Präsenz und Achtsamkeit? Indem wir damit experimentieren, natürlich zuerst in reizarmer Umgebung, auf einem Spaziergang zum Beispiel, wenn gerade nicht viel los ist drum herum. Wie schaffe ich es, meinen Hund nur über meine Körpersprache in eine Wendung zu bringen? Oder ohne Leinenzug anzuhalten? Wie fühlt es sich an, in Zeitlupe zu gehen? Oder den Hund nur über Gestik und Körpersprache sich setzen oder sich hinlegen zu lassen? Wie nehme ich ihn aus dieser Position wieder mit? Wie gehe ich einen Kreis recht oder links rum, an völlig lockerer Leine? Wie fühlt sich die Energie an, wenn der Hund sich plötzlich an mir orientiert und mit seiner Achtsamkeit bei mir ist? Wie fühlt es sich an in meiner Schulter, wenn ich die Leine so locker und entspannt halte wie eine Feder? Lasse ich meinen Atem frei strömen, auch wenn mir ein anderes Mensch-Hund-Team entgegen kommt? Verändere ich meine Stimme? Wie oft "betätige" ich die Leine? Wie oft manipuliere ich über die Leine, BEVOR ich überhaupt ein Sigal gegeben habe?

Achtsamkeits- und Präsenztraining ist keine so zu buchende Lektion sondern eine Grundeinstellung und Lebensphilosophie, wenn wir mit den Hunden arbeiten oder sie durch den Alltag führen. Ein Spaziergang ist dazu da, Achtsamkeit zu üben, im Moment präsent zu sein; die Kunst ist es, sich selber wahrzunehmen, den Hund wahrzunehmen und mit der Umgebung in Kontakt zu sein. Fehlt ein Baustein, kommt das Rettungsseil zum Einsatz. Gerade bei jungen Hunden haben wir die Chance, die Leine gar nicht erst zum Beziehungskiller werden zu lassen. Spaziergänge sind die besten Übungsfelder. Auf einem Hundeplatz findet das Leben nur begrenzt statt, dort werden eventuell Grundsteine gelegt. Das Training findet jeden Tag statt und zwar IMMER. Achtsamkeit und Präsenz zu üben, ist kein notwendiges Übel sondern eine Lebensschule. Unsere besten Lehrmeister in Sachen ZEN sind unsere Hunde. Sie lehren uns, im Hier und Jetzt zu sein, Emotionen sofort wieder loszulassen, sich in jeder Sekunde von neuem an der Arbeit mit ihnen zu erfreuen.

Wir müssen als Hundeführer unbedingt leiser und feiner werden, wenn wir wollen, dass unserer Hunde uns auch zuhören und uns wahrnehmen. Dauerbeschallung macht taub. Dauerleinenziehen und Leinenrucken macht stumpf und Zug schafft Gegenzug.

Wenn wir Hunde wollen, die uns auch in wichtigen oder schwierigen Situationen vertrauen und Aufmerksamkeit schenken, reicht es nicht aus, 1x in der Woche im Hundetraining ein bisschen zu üben. Der Alltag ist die Schule, das Hundetraining gibt Impulse und Inputs. Den Satz: "ich hatte keine Zeit zum Üben", würde ich am liebsten aus der Phonetik streichen. Jeder Spaziergang ist ein Üben und zwar primär für den Menschen.

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